Zwei Drittel der Berufstätigen bereuen ihre Berufswahl: Warum wir bei der Berufsorientierung nicht nachlassen dürfen…

Könnt Ihr Euch erinnern? Fast auf den Tag genau vier Jahre ist es her, dass ich 2014 zum Jahr der Berufsorientierung ausrief.

Vor ein paar Tagen wurde nun eine aktuelle Forsa-Studie (im Auftrag der Lernplattform Udemy) vorgestellt, wonach aktuell ca. 60% der Berufstätigen unzufrieden mit ihrer Berufswahl sind. Forsa fand heraus, dass rund ein Drittel der Erwerbstätigen heute, hätten sie nochmal die Wahl, fachlich-inhaltlich etwas anderes machen würden. Über 25% würden sich rückblickend für eine andere Ausbildungsform, also Studium statt Ausbildung oder umgekehrt, entscheiden.

Tja, fast schon tragisch. Natürlich macht einem im Job nicht immer alles Spaß, aber gemessen daran, wie viel Wachzeit man im Leben bei der Arbeit verbringt, finde ich es schon erschreckend, wie viele Menschen sich hier offenkundig jeden Tag quälen müssen. Dass dabei zudem die Performance, sagen wir mal, nicht unbedingt besser wird, dürfte auf der Hand liegen.

Wird es besser?

Betrachtet man einmal die letzten vier Jahre, dann kann man nicht sagen, dass sich auf dem Feld der Berufsorientierung nichts getan hätte.

Ich könnte diese Liste endlos fortsetzen.

Gut, manches davon geht auch in die Hose wie etwa der sicherlich teure und gut gemeinte, aber leider ziemlich missratene WhatsMeBot der Bundesagentur oder das „Orientierungsspiel“ Diner Dash des DEHOGA.

Aber das gehört auch dazu. Besser etwas probieren und scheitern als es gar nicht erst zu versuchen.

Doch all das reicht natürlich nicht. Es kann nicht reichen, weil die Orientierung an sich immer komplexer wird:

  • Berufsbilder und Studiengänge differenzieren sich immer stärker aus. Deshalb gibt es ja so viele. Die HRK listet insgesamt mehr als 19.200 Studiengänge an mehr als 400 Hochschulen in Deutschland auf, ungefähr die Hälfte sind grundständige Studiengänge, ausbildungsintegrierend, berufsbegleitend, berufsintegrierend, dual, als internationaler Studiengang oder im Fernstudium. Es gibt je nach Zählweise rund 600 Ausbildungsberufe in Deutschland, davon rund 350 mit Kammerabschluss als Duale Ausbildung. Wer kann das überblicken oder daraus die für sich optimale Wahl ableiten?
  • Hinzukommt die Frage nach dem passenden Unternehmen. Hier gibt es nicht Hunderte, sondern Millionen. Groß, klein, Konzern, Mittelstand, Klein- und Kleinstunternehmen, in verschiedenen Regionen, mit diversesten Kulturen und Organisationsformen. Niemand kann das überblicken und daraus die für sich optimale Wahl ableiten…
  • Und all das wird nicht einfacher! Wer kann heute sagen, welche Berufe es denn morgen überhaupt noch geben wird? Welche neuen kommen hinzu? Und wer kann sagen, wie diese Berufe dann morgen wohl sein werden, welche Anforderungen sie stellen, was man dafür können muss, wie diese sich mit individuellen Lebensentwürfen vereinbaren lassen? Genau. Niemand.

Eine aktuelle Untersuchung von TalentHero gemeinsam mit Innofact zeigt, dass auch das wahrscheinlich immer noch zentrale Element der Personalkommunikation – die Stellenanzeige – noch immer viel zu wenig für die Orientierung tut. Da werden seitenweise Gemeinplätze und Corporate Lingo produziert, statt Antworten auf die Frage zu bieten: Passt das zu mir?

Nur 28% der Schüler haben nach dem Lesen der Anzeige Lust, sich zu bewerben! Fragen wie die nach dem Gehalt, der Weiterbildung, dem Einsatzort werden nicht beantwortet. Dem Wunsch nach Einblicken, z.B. Chatmöglichkeiten mit anderen Azubis oder Interviews, wird nicht entsprochen. Aber anschließend ist das Gejammer über die nicht passenden Bewerber oder den (viel zu hohen) Ausbildungsabbruch wieder groß.

Hmm, merkt Ihr selber… Garbage in, garbage out.

Fazit:

Ja, es ist gut, dass sich etwas tut. Dass viele etwas ausprobieren, darüber reden, von anderen nachgeahmt werden und wieder neue Erfahrungen machen. Dass es eine durchaus innovative Employer Branding und Rec (Tech)-Szene gibt. Zumindest die Richtung stimmt.

Aber: Wir dürfen auch nicht nachlassen. Das Ziel ist nämlich nicht statisch, es bewegt sich. Stillstand würde sofortigen Rückschritt bedeuten.

Vielleicht sollten wir auch 2018 wieder zu einem Jahr der Berufsorientierung machen…

7 Gedanken zu „Zwei Drittel der Berufstätigen bereuen ihre Berufswahl: Warum wir bei der Berufsorientierung nicht nachlassen dürfen…

  1. Moin Jo,

    lass es mich mal ganz realistisch und pragmatisch so sagen: Es ist (fast) völlig egal, was Du für eine Ausbildung machst oder was Du studierst. Klar, völlig konträre Sachen sollten es nicht sein. Also ich in nem Controllingschwerpunkt z.B., das ging gar nicht. Dafür brauchte ich aber auch keine Berufsorientierung ;-)

    Der Punkt ist: Die eine Entscheidung am Anfang setzt sich ja immer weiter fort. aber nicht, weil der Einzelne das will, sondern weil Unternehmen vergangenheitsorientiert einstellen. „Du hast drei Jahre Controlling gemacht? Prima, dann kannst du das und machst es jetzt bei uns 5 Jahre“. Inzwischen hat der arme Arbeitnehmer aber gemerkt, er würde gerne was anderes machen … aber kein Arbeitgeber lässt ihn! DAS ist unser Problem! Ich kenne Menschen, die wissen mit 40 noch nicht, was sie wirklich machen wollen, haben aber auch kaum eine Chance, was auszuprobieren. Frau und Kinder schreien schließlich nach Brötchen und bezahlt wird in Deutschland nichts fürs Lernen, sondern fürs Können und Machen.

    Unsere Arbeitgeber geben keine Möglichkeit, sich auszuprobieren. Weil es gar ncith in ihrem Interesse ist. Aber das wird sich ändern müssen.
    Das ganze Gefasel vom „lebenslangen Lernen“, das aber nie wirklich ernst gemeint war, muss jetzt langsam wahr werden. Einfach weil es in Zukunft Berufe / tätigkeiten gibt, die heute noch kaum jemand kann.

    Wenn ich im Job lernen dürfte, könnte ich alle 5 Jahren meinen Tätigkeitsschwerpunkt ändern, wenn ich das will und das Zeug dazu habe. Und so herausfinden, was ich wirklich kann und will.

    Aber so ganz grundsätzlich finde ich es natürlich auch wichtig und gut, dass bei der Berufsorientierung was passiert ;-)

    Herzlichen Gruß,
    Henrik

  2. Lieber Henrik, vielen Dank für deinen Kommentar. Das ist ein sehr spannender Gedanke. Das würde in der Konsequenz bedeuten, dass alle im Prinzip eine Art „Ausbildung / Studium generale“ machen, d.h. eine Art vergleichbare Basisausbildung erhalten und die Spezialisierung nachfolgend „on the job“ erfolgt – nach Neigung und Fähigkeiten. Die „Orientierung“ erfolgt dann soz. auch „en passant“. DANN, auch nur wirklich dann, wäre eine „Vorab-Orientierung“ verzichtbar oder zumindest deutlich weniger wichtig, denn man reduziert ja die Gefahr „zu früh falsch abzubiegen“.

    Ich glaube jedoch, dass das so nicht passieren wird. Wir haben ein ständisches Ausbildungssystem, zumindest in der Dualen Berufsausbildung, das sich erstens durchaus als Erfolgsmodell bewährt hat (zumindest für die Volkswirtschaft, für den Einzelnen gibt es Luft nach oben…) und das sich zweitens tief in das kollektive kulturelle Bewusstsein eingebrannt hat. Daran wird man auf Sicht höchstens graduell etwas ändern. Das ist sicher besser als nichts und macht die Arbeitsmärkte dann hoffentlich etwas durchlässiger, aber es wird das grundsätzliche Problem der fehlenden Orientierung nicht aus der Welt schaffen. Es wäre ja auch schon unglaublich viel erreicht (und hier sowohl für die Volkswirtschaft UND für viele Einzelne), wenn der Ausbildungs- oder Studienabbruch um wenige Prozentpunkte sänke. Wir reden über etliche Milliarden Euro und über Abertausende von sinnvoller verwendeten Lebensjahren… Dass ich hier den Konjunktiv II verwende, verheisst nicht viel Optimismus…

  3. Moin Jo,

    ich teile Deine Bedenken, keine Frage! Und ja, Berufsorientierung macht definitiv Sinn. Der Punkt ist: Das gilt für viele Menschen ein Leben lang ;-)
    Ich glaube, ein großer Punkt für mangelnde Mitarbeitermotivation (die Unternehmen dann mit Kicker, Party, Spaß oder Geld versuchen zu drehen) ist, dass die Menschen auf den falschen Jobs sind bzw. jahrelang das Selbe machen. Manchen finden das toll, andere nicht. Aber wie schon geschrieben: Die Möglichkeit, sich auszuprobieren und dabei zu entdecken, was ich sonst noch kann und will, die wird kaum gegeben. Würden Arbeitgeber das ändern, können sie übrigens auch die „neuen Jobs“ besser besetzen. Die, die gerade entstehen und die es vorher nicht gab. Da müssen sich Menschen ja erst einarbeiten. Und das kann nciht nur die Jugend, sondern das geht auch ncoh mit über 40. Ich muss halt nur die Chance dafür haben.

    Naja, soviel zu Theorie. Die Praxis … ach, lassen wir das :-)

    Herzlcihen Gruß,
    Henrik

  4. Ich lebe meine Träume, es wird keine Situation geben das ich im Sterbebett liege und mir denken muss, Was wäre Wenn…ich das und das gemacht hätte

    Die meisten hier wissen das Leben garnicht zu schätzen, hirschen tag täglich jedem Euro hinterher und fragen sich dann….was hab ich mein ganzes Leben den großartiges gemacht oder geleistet. Ja dann ist es zu spät.

    Die wertvollsten Güter die unbezahlbar sind die wir haben sind: Zeit, Gesundheit und Freiheit

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