Gibt es ihn nun, „den“ Fachkräftemangel? Klares ja! Aber eben nicht in allen Berufen und Regionen…

Der Deutschen Wirtschaft geht es blendend. Zumindest wenn man der Befragung Glauben schenken darf, die das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft unter 48 Branchenverbänden durchgeführt hat:

26 Verbände bewerten die Lage besser als vor einem Jahr, 20 gleich gut und nur zwei schlechter. 19 Verbände gehen von steigenden Beschäftigtenzahlen aus, 19 weitere von gleich hohen und nur neun von sinkenden. Und das wohlgemerkt bei einer rekordverdächtig niedrigen Arbeitslosenquote von gerade einmal noch gut fünf Prozent (5,3% im November 2017 im gesamtdeutschen Durchschnitt, in Bayern und Baden-Württemberg herrscht mit jeweils rund 3% im volkswirtschaftlichen Sinne – nach Beveridge – Vollbeschäftigung).

Und worin sehen die Verbände das größte Risiko für die Deutsche Wirtschaft? Nordkorea? Trumps Steuerreform? Brexit? Nee, in der Frage, ob der Arbeitsmarkt den Bedarf an Personal noch hinreichend bedienen kann!

Und auch der Staat reiht sich inzwischen ein in die Riege derer, die über „ernste Recruitingprobleme“ klagen. Lt. Beamtenbund fehlen inzwischen rund 185.000 Mitarbeiter im öff. Dienst (allem voran Erzieher) und Beamte

Alle Jahre wieder… Kommt sie also wieder auf den Tisch, die Frage, ob es ihn denn nun wirklich gibt – „den“ Fachkräftemangel…

Über diese Frage ist in der Vergangenheit teilweise heftig gestritten worden. Dabei war man sich zwar durchaus einig in der Ansicht, dass die Personalgewinnung insgesamt herausfordernder geworden ist. Aber während die einen das auf äußere Faktoren wie etwa den demografischen Wandel oder gesellschaftliche Entwicklungen zurückführten, argumentierten die anderen eher damit, dass die Unternehmen eben ihre Hausaufgaben nicht ordentlich gemacht hätten (mangelnde Berufsorientierung, zu wenig betriebliche Ausbildung, schlechtes Personalmarketing, mieses Recruiting etc.) und der Fachkräftemangel damit eher ein hausgemachtes Problem sei.

Robindro Ullah spricht in seinem Beitrag „Meine Top 5 Denkanstöße aus 2017“ daher auch nicht von Fachkräftemangel, sondern „Skill-Mangel“. Und der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom IAB sieht das Hauptproblem in der mangelnden „Passgenauigkeit“. Regelmäßige Leser des Recrutainment Blogs werden hier deutlich eines meiner Lieblingsthemen – die „Passung“ wiedererkennen…

Will sagen: Das Bild ist auf den ersten Blick eigentlich sehr klar. Auf den zweiten wird es jedoch sehr vielschichtig und heterogen. Und auf den dritten Blick schließlich wird es beinahe schon zu einer Frage der jeweiligen Weltanschauung…

Differenzierte Betrachtung

Nun, auch wenn man mit differenzierten Betrachtungen in der Regel keine Quote macht – ohne „Welt am Abgrund“ verkauft sich halt keine Zeitung mehr… ;-) – tendiere ich auch bei der Frage nach dem Fachkräftemangel zu einer Antwort in der Mitte.

Und vor allem: es hilft immer einen Blick in die Zahlen.

Das habe ich nun mal wieder getan. Zum einen habe ich mir mit der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit einmal so etwas wie die „offizielle Statistik“ hierzu vorgenommen. Zum anderen flatterte mir kürzlich die Studie „Recruiting im Wandel“ der Berliner Internet- und Medienforschungsgesellschaft index auf den Tisch, die basierend auf der Befragung von 2000 Personalverantwortlichen ebenfalls ganz spannende Entwicklungen aufzeigt.

Zunächst die Nürnberger Zahlen:

Nach den Zahlen der Bundesagentur gibt es eine Reihe von Berufen – allen voran bei den Technischen und den Gesundheits- und Pflegeberufen – bei denen die Vakanzzeiten, also die Dauer bis zur (Neu)besetzung einer Stelle deutlich gestiegen sind. Ein Indiz für „schwierigere Besetzung“.

Ganz besonders augenscheinlich wird dies „auf dem Bau“ und „in der Pflege“. Bei Softwareentwicklern und Programmierern hingegen gingen die Vakanzzeiten sogar recht deutlich zurück. Da aber bei all diesen Berufen der allgemeine Durchschnittswert von 100 Tagen immer noch deutlich überschritten wird, kann man alle diese Berufe als „schwierig“ bezeichnen.

Neben den Vakanzzeiten misst die BA mit der sog. „Arbeitslosen-Stellen-Relation“ eine zweite recht spannende Kennzahl. Diese drückt das Verhältnis zwischen gemeldeten offenen Stellen und gemeldeten arbeitslosen Experten des jeweiligen Berufsbilds. Und hier liegt der Wert bei Softwareentwicklern mit 134 gemeldeten Arbeitslosen auf 100 gemeldete offene Stellen extrem niedrig. Aber auch hier lohnt wiederum ein differenzierter Blick, z.B. nach Regionen.

Während die Arbeitslosen-Stellen-Relation bei Softwareentwicklern in den südlichen Bundesländern insgesamt deutlich auf einen Fachkräftemangel hinweist, ist die Lage beispielsweise in Berlin vergleichsweise entspannt.

Bei Mechatronikern wiederum sieht es sowohl im Süden als auch im Osten sehr kritisch aus, während es hier in NRW relativ relaxt zugeht.

Und während es auf dem Bau nicht nur in Bayern und Baden-Württemberg, sondern auch in Brandenburg echt knapp mit Arbeitskräften ist, ist hier die Lage etwa im benachbarten Sachsen eher ruhig.

Man sieht an diesen Beispielen: Ja, all das sind sicherlich Berufsbilder, in denen mindestens Fachkräfteengpässe oder sogar -mangel zu beobachten sind, aber eben nicht überall oder überall gleich stark.

Eigentlich gibt es nur eine Berufsgruppe, bei der sich momentan offenkundig die ganze Republik einig ist: Die Pflegeberufe…

Da alle der hier betrachteten Berufsbilder etwa bei den Vakanzzeiten deutlich über dem allgemeinen Durchschnitt von 100 Tagen liegen, kann man diese wahrscheinlich insgesamt als „engpassgefährdet“ bezeichnen. Da aber eben jener allgemeiner Durchschnitt deutlich unter den Werten dieser Berufsgruppen liegt, dürfte jedem einleuchten, dass es eben auch zahlreiche Berufsbilder gibt mit deutlich niedrigeren Vakanzzeiten. Also Berufsbilder, in denen es den Firmen erheblich schneller gelingt, ihre Stellen zu besetzen. Hier würde man wahrscheinlich dann auch nicht auf die Idee kommen, von Fachkräftemangel zu sprechen.

Nun noch ein kurzer Blick in den index Recruting Report:

Auch hier wird im Schnitt gegenüber der letzten Befragung in 2015 ein zunehmender Bewerbermangel festgestellt und das quer über alle Berufsgruppen hinweg. Interessant finde ich, dass der Zuwachs an Unternehmen, die Bewerbermangel beklagen bei Gewerblichen Fachkräften und bei Azubis am größten ist. Ohne, dass ich das mit eigenen Zahlen untermauern könnte, deckt sich das aber doch deutlich mit unseren subjektiven Eindrücken der letzten Jahre.

Noch viel spannender jedoch finde ich den Befund zu den Recruiting-Budgets der Unternehmen. Auch diese sind in den letzten Jahren offenkundig deutlich gestiegen.

Der Anteil der Unternehmen, die ein Recruiting-Budget im Jahr von unter 20000 € zur Verfügung haben ging um acht Prozentpunkte auf 49% runter während der Anteil derer mit einem Budget zwischen 50000 und 500000 € um rund neun Prozentpunkte auf 24% stieg.

Auch dieses Ergebnis deckt sich 1:1 mit meinen subjektiven Eindrücken der letzten Jahre. Insbesondere die Bemühungen der Unternehmen um Auszubildende sind in den letzten Jahren deutlich hochgefahren worden. Vielleicht ja einer der Gründe dafür, dass die Talfahrt der Azubi-Zahlen zuletzt zumindest gestoppt werden konnte.

Gibt es ihn nun, „den“ Fachkräftemangel?

Nun, eigentlich ist der Streit um diese Frage vollkommen überflüssig. Ja, es gibt (Fach-)kräftemangel und Engpässe. In manchen Branchen stark, in manchen weniger, in manchen gar nicht. In manchen Regionen mehr, in anderen weniger, in manchen (allerdings wenigen) gar nicht.

Die Zahlen – nicht nur diese, viele andere auch – bestätigen, dass es vielen Unternehmen offenkundig schwerer fällt als früher: Das „Recruiting-Geschäft“. Ob das nun daran liegt, dass „es“ objektiv betrachtet schwerer geworden ist oder ob es daran liegt, dass die Unternehmen sich nichts gescheites einfallen lassen, nun diese Frage werden wir hier nicht aufgelöst bekommen. Oder anders: Die lässt sich nicht auflösen, weil wahrscheinlich beides ein bisschen wahr ist, für manche mehr, für andere weniger, für manche gar nicht…

Und wenn der „Streit“ darüber, ob es „den“ Fachkräftemangel denn nun gibt oder nicht, sowohl bei den Befürwortern als auch den Verneinern dieser These dazu führt, dass man Personalgewinnung insgesamt wichtiger nimmt als früher und sich mehr kreative Gedanken dazu macht, ja dann wäre ja schon mal eine ganze Menge gewonnen…

Mein Eindruck ist, HR hat verstanden, dass es Handlungsbedarf gibt (ja ja, manche mehr, manche weniger, Ihr wisst schon…) und gibt sich den gestiegenen Anforderungen zumindest nicht mehr ganz kampflos hin. Wenn das das Motto für 2018 ist, dann können wir insgesamt glaube ich recht optimistisch ins neue Jahr blicken.

In diesem Sinne: Kommt gut rein! Wir sehen uns auf der anderen Seite…

Und ach ja: Es heißt Silvester! Wir feiern ja nicht den Stallone… ;-)

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Jo Diercks

Geschäftsführer bei CYQUEST GmbH
Ich bin Gründer und Geschäftsführer der CYQUEST GmbH und der Mi4 GmbH. CYQUEST beschäftigt sich mit dem Thema Recrutainment, also dem Einsatz spielerisch-simulativer Methoden im Online-Assessment, Employer Branding und Recruiting. Im Recrutainment Blog berichte ich regelmäßig hierüber. Mi4 ist als Unternehmensberatung auf Themen des Online-Marketings und eCommerce spezialisiert.

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