Stellenanzeige, in der sich die zukünftigen Kollegen live vorstellen. Cooler Move der Helvetia Versicherungen

Die meisten meiner Leser dürften Martin Maas sicherlich kennen. Lange Jahre war er maßgeblich verantwortlich für das Employer Branding „beim Daimler“, für die er unter anderem 2015 die begehrte Trophäe für die Personalmarketinginnovation des Jahres gewann, seinerzeit für den erstmaligen Einsatz von WhatsApp im Personalmarketing.

Vor einem guten halben Jahr hat er dann „rübergemacht“ in die Schweiz und verantwortet dort nun als Senior Manager Employer Branding selbiges bei den Helvetia Versicherungen in Basel. Und so hat es nun auch nicht allzu lange gedauert bis da mal wieder eine wie ich finde überaus pfiffige Personalmarketingidee aus der Schweiz kam…

Konkret geht es um den Einsatz von Livestreaming zur Vorstellung der (möglicherweise) zukünftigen Kollegen. Ich habe bereits vor zweieinhalb Jahren in einem Blick in die Kristallkugel mal auf die aus meiner Sicht riesigen Möglichkeiten hingewiesen, die Livestreaming für das „authentische Arbeitgebermarketing“ bietet und war deshalb auch sehr froh als Ende letzten Jahres die Polizei Niedersachsen ganz hemdsärmelig vormachte, wie einfach das, z.B. über Periscope, gehen kann.

Bei Helvetia wurde das aber nun noch einmal erheblich weitergetrieben und richtiggehend als fixer Baustein in die Außenkommunikation integriert.

Wie funktioniert das genau?

Beantragen Führungskräfte bei Helvetia eine Stelle, dann haben sie die Möglichkeit, die Option „Helvetia Live Jobs“ auszuwählen. Das bedeutet, dass für diese Stelle ein Datum, eine Uhrzeit und ein Link festgelegt werden, zu bzw. über den dann für diese Stelle ein Livestream angeboten wird.

Das heißt, egal wo dann nachfolgend die Stellenausschreibung erscheint (Online, Print, Social Media etc.), es werden darin direkt der Zeitpunkt und Zugang zur Livesendung kommuniziert.

Interessenten können zu diesem Zeitpunkt einschalten und treffen dort dann auf die – möglicherweise – zukünftigen Kollegen, Mitarbeiter, Vorgesetzte etc.

Diese stellen dann sich, ihren Bereich und die Tätigkeiten vor und gehen auch noch einmal – losgelöst von den oft sehr wohlfeilen Beschreibungstexten in der Stellenanzeige – auf die konkrete Beschaffenheit der Stelle ein. Außerdem, und das ist für mich der eigentliche Knüller, wird darüber ein tiefer Einblick in das Miteinander der Menschen und die vorhandene Kultur gewährt:

Wie ist der Team-Fit, was sollte jemand mitbringen, wie geht man miteinander um, wie wird geführt, wie beschreibt die Führungskraft selber den eigenen Führungsstil, duzt oder siezt man sich, wie ist der Dresscode usw.?

Bei der Vorstellung des Themas „Ausbildung“ waren z.B. eine Verantwortliche des Ausbildungs-Teams und ein Azubi aus dem dritten Lehrjahr im Livestream. Hier ging es um sämtliche Ausbildungsthemen – was wird angeboten – wer wird gesucht – warum ist Versicherungsbranche gerade jetzt so spannend – wie läuft der Bewerbungsprozess etc..

Gestreamt wird hierbei direkt über Facebook-Live. Lt. Auskunft von Martin hat Facebook dabei zwar wohl beim letzten Mal zweimal den Stream unterbrochen, was aber wohl verschmerzbar war, weil die Besucher treu dabei geblieben sind und die kurze Sendepause sportlich genommen haben.

Theoretisch haben die Zuschauer natürlich auch die Möglichkeit, live Fragen zu stellen oder zu kommentieren. Ich hätte auch gedacht, dass dies sehr wohl passiert, weil sich die Gelegenheit die potentiellen zukünftigen Kollegen im so direkten Zugriff zu haben dafür ja durchaus anbietet, aber zumindest bei den ersten beiden Durchführungen wurde von dieser Möglichkeit noch kein Gebrauch gemacht.

Bis dato haben zwei derartige Livestreams stattgefunden und man ist bei Helvetia noch dabei die ersten Erfahrungen auszuwerten, aber man ist offenkundig mit dem quantitativen Zugriff sehr zufrieden. Und: Nach dem ersten Stream (für eine Professional-Stelle in der Unternehmensentwicklung) hat sich wohl auch gleich am nächsten Tag ein verheißungsvoller Kandidat mit direktem Bezug auf das Livestreaming beworben.

Meine Einschätzung:

Auch wenn es wie bei allem neuen sicherlich auch hier Stellschrauben gibt, an denen man noch wird drehen müssen, finde ich den Aufschlag der Schweizer super. Das ist aus meiner Sicht ein Paradebeispiel für „Matching durch Kennenlernen„.

Zum einen wird der Stellenanzeige damit direkt eine persönliche Note verliehen und der potentielle Kandidaten erhält schon vor dem Absenden der Bewerbung ein Gefühl dafür, ob er sich vorstellen kann, mit diesen Personen im Team / mit dieser Führungskraft zusammenzuarbeiten. Das ist hilfreich für beide Seiten, weil es die Selbstselektionsfähigkeit stärkt. Die passenden Kandidaten, die sich durch die Stellenausschreibung noch nicht wirklich entschieden haben, bekommen durch den Stream die Bestätigung, dass die Stelle und das Team zu ihnen passt – die „nicht passenden Kandidaten“, die sich nur auf Grund der Stellenausschreibung bewerben würden, aber vom Typ her gar nicht ins Team passen, merken das durch den Stream auch und bewerben sich nicht. Das hat natürlich im Idealfall auch positive Auswirkungen auf den Aufwand im Recruiting-Center und schafft Freiräume sich mit wirklich passenden Kandidaten zu befassen…

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Jo Diercks

Geschäftsführer bei CYQUEST GmbH
Ich bin Gründer und Geschäftsführer der CYQUEST GmbH und der Mi4 GmbH. CYQUEST beschäftigt sich mit dem Thema Recrutainment, also dem Einsatz spielerisch-simulativer Methoden im Online-Assessment, Employer Branding und Recruiting. Im Recrutainment Blog berichte ich regelmäßig hierüber. Mi4 ist als Unternehmensberatung auf Themen des Online-Marketings und eCommerce spezialisiert.

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