Lost at Sea… Berufliche Orientierung junger Menschen bleibt eine große Baustelle. Dabei liegt darin ein Lösungsbeitrag für den Arbeitskräftemangel

Landauf landab wird über den Arbeitskräftemangel lamentiert. Schwimmbäder bleiben zu, Flüge fallen aus, Restaurants lassen trotz bestem Wetter die Außenbereiche zu… Und von den “Klassikern” wie dem dramatischen Mangel an Kraftfahrern oder Pflegepersonal wollen wir gar nicht erst anfangen.

In der Not kommt die Politik auf – man muss es so sagen – neunmalkluge Ratschläge wie die 42-Stunden-Woche oder Unternehmen auf – muss man auch so sagen – extrem kurzsichtige Ideen, wie das Weglassen von Beurteilungsmethoden in der Personalauswahl. Als würden die Menschen nicht eh schon unendlich viele Überstunden schieben und als würde der Arbeitskräftemangel dadurch gelindert, dass man einfach jeden reinlässt…

Nein, wollen wir das Problem des Arbeitskräftemangels lösen, müssen wir so leid es mir tut dickere Bretter bohren und an grundlegendere Probleme ran:

Ein Punkt wäre hierbei sicherlich mal zu überprüfen, mit was sich die Menschen bei der Arbeit eigentlich wirklich so “beschäftigen” (müssen) den lieben langen Tag. Meine These, anekdotisch evident untermauert durch etliche eigene tägliche Erfahrungen: Ein Großteil der Arbeitszeit geht drauf für administrative, bürokratische, dokumentierende und “systembedingte” Tätigkeiten. Für die eigentliche “Arbeit”, also Wertschöpfung, bleibt immer weniger Zeit und Energie. Die vielbeschworene Erlösung durch mehr Digitalisierung entpuppt sich nach meiner Beobachtung oft als das genaue Gegenteil: Der einstmals analoge aber nachvollziehbare und funktionierende Prozess wird abgelöst durch einen letztlich dreimal so lange dauernden, technisch komplexen und oft eben gar nicht funktionierenden digitalen. Googelt doch in dem Zusammenhang mal den Begriff “Bloatware”… Würden wir die Belegschaften insg. nur 10% der Zeit weniger mit solchen Zeit- und Energiefressern “beschäftigen” und diese Zeit in wertschöpfende “Arbeit” umlenken, würden über grob gerechnet vier Millionen Beschäftigte weniger fehlen. Die sich über die nächsten Jahre auftuende Lücke wäre erheblich kleiner…

Ein weiterer Punkt wären natürlich weitere Verbesserungen im Bereich “Vereinbarkeit”. Wenn man sieht, dass es immer noch viele Regionen in Deutschland gibt, in denen Kitaplätze knapp sind (auch weil ErzieherInnen fehlen, ein Teufelskreis…;-)) oder wo die Kitas nur bis 16 Uhr offen haben oder über Mittag zwei Stunden schließen und wenn wir uns einfach wider aller Vernunft nicht vom Ehegattensplitting trennen mögen, dann werden wir einfach sehr viele Menschen nicht zu einem Eintritt in den Arbeitsmarkt bewegt bekommen. Da ist über die letzten Jahre vieles besser geworden, aber es bleibt Luft nach oben.

Drittens: Wir müssen endlich “Alter” entstigmatisieren. Wenn es schon eine heilige Kuh zu sein scheint, gesetzlich das Renteneintrittsalter anzuheben (ja ja, der Dachdecker, ich weiß… Auch der Dachdecker, der vielleicht wirklich nicht mehr auf´s Dach kann nach vierzig Jahren, würde sicherlich bei Obi, Bauhaus oder Hornbach noch hervorragend als Kundenberater arbeiten können, und zwar als einer, der wirklich Ahnung hat…), dann sollten sich wenigstens die Arbeitgeber von der unsinnigen Meinung trennen, dass es sich ja “nicht mehr lohnt” jemanden mit 57 noch einzustellen. Erstens hat dieser Mensch noch 10 Jahre bis zu Rente und wer weiß, vielleicht will er ja auch danach noch. Und wenn es in Teilzeit ist… Auf jeden Fall wird uns das Thema “Unretiring noch intensiv beschäftigen. In den USA kann man dies schon deutlich sehen…

Viertens (nur kurz angerissen): Ja, wir brauchen endlich eine vernünftige Einwanderungspolitik.

So, und nun komme ich zu meinem eigentlichen Punkt: Wir leisten uns immer noch unglaubliche Reibungsverluste bei der beruflichen Orientierung! Menschen irren teilweise Jahre oder sogar Jahrzehnte durch die Ausbildungs- und/oder Berufswelt auf der Suche nach ihrer eigentlichen Bestimmung und stehen entsprechend in dieser Zeit eben jener (Bestimmung) auch nicht zur Verfügung.

Hier verpufft immer noch unheimlich viel Potenzial: Lt. Berufsbildungsbericht des BMBF wird aktuell rund ein Viertel aller Ausbildungsverhältnisse vorzeitig (also vor dem erfolgreichen Abschluss) beendet. Bei vielen Berufsbildern (z.B. Friseur/-in, Bauten- und Objektbeschichter/-in, Fachkraft für Schutz und Sicherheit, Berufskraftfahrer/-in) liegt dieser Wert deutlich über 40%. Jetzt bedeutet zwar nicht jede Vertragsauflösung auch einen Ausbildungsabbruch (manchmal wechselt man ja schlicht das Unternehmen), aber es bleibt eine sehr hohe Zahl an Menschen, die erst einmal auf´s falsche Pferd gesetzt haben und sich wieder umorientieren müssen.

Und Corona hat hier sicherlich aufgrund der Kontaktbeschränkungen und damit vielfach ausfallenden Orientierung durch Praktika, Messen oder Tage der offenen Tür sicherlich auch nicht geholfen bzw. viele der sinnvollen auf den Weg gebrachten Ansätze – z.B. die stärkere Verankerung der beruflichen Orientierung in die Lehrpläne der Schulen – wieder gestoppt oder zumindest zurückgeworfen…

Auf dieses Problem weise ich hier ja schon seit Jahren immer wieder beharrlich hin – Stichwort “Jahr der Berufsorientierung”, wohlgemerkt 2014…, und letztlich versuchen wir bei CYQUEST ja auch durch das Bauen von Berufsorientierungstools Linderung zu verschaffen.

Wird es besser? Hmm, ja vielleicht in mikroskopischen Schritten. Gut ist es noch lange nicht. Das hat nun erneut eine sehr gute Studie belegt. Die repräsentative Befragung “Berufliche Orientierung im dritten Corona-Jahr” von Jugendlichen durch die Bertelsmann Stiftung (N=1666 Personen zwischen 14 und 20 Jahren) fasst den aktuellen Status sehr schön zusammen.

Ich habe nachfolgend ein paar zentrale Befunde der Studie zusammengefasst:

Es mangelt nicht an Information, es mangelt an Orientierung

Die meisten jungen Menschen bemängelt nicht, dass es zu wenig Information gibt, die meisten bemängeln, dass man sich in dem Ozean an Informationen zu schwer zurechtfindet.

Das bedeutet aus meiner Sicht, dass die Berufsorientierung noch stärker vom Individuum aus gedacht werden muss. Lösungen wie Matching-Tools leisten dies meines Erachtens sehr gut, weil sie beim einzelnen Menschen ansetzen. Dieser muss zunächst einmal nur sich selber halbwegs einschätzen (und wird sogar dabei an die Hand genommen); die “Übersetzung” was dann zu einem passen könnte, leistet dann das Tool. So wird aus einem unüberschaubar großen und vielfältigen Angebot ganz schnell ein kleines Set an passenden Optionen.

Dass junge Menschen solche Hilfestellungen sehr wohl goutieren, zeigte vor ein paar Jahren einmal eine entsprechende Befragung sehr deutlich.

Wissen über angestrebte Berufe ist noch deutlich ausbaufähig

Und auch wenn es dann vielleicht schon gelungen ist, die Auswahl an möglichen Berufsbildern einzugrenzen, ist das Wissen über den angestrebten Beruf oft noch unzureichend. Gerade darin liegt aber nachher ja ganz oft der Grund für den Abbruch, wenn man sich schlicht etwas anderes darunter vorgestellt hat…

Hier können Instrumente wie Berufsorientierungsspiele / Recruiting Games sehr wertvolle Hilfestellungen leisten, weil sie bei einer Art “virtuellem Kurzpraktikum” typische Elemente der jeweiligen Berufsbilder spielerisch-simulativ erlebbar machen. Und sie dauern halt auch nur ein paar Minuten, d.h. sie passen buchstäblich in die Wartezeit auf den nächsten Bus…

Berufsorientierung ist ein Mix aus Selbstinformation und Austausch

Fragt man nach den wichtigsten Informationsquellen ist das Bild auf den ersten Blick etwas diffus, aber es erklärt sich sehr schnell: Die aus Sicht der jungen Menschen wichtigste Informationsquelle sind erstmal Informationen zum Selbstlesen. In diesem Zusammenhang liegen auch sog. Potenzialanalysen recht weit vorn, also Selbsttests, die zum Beispiel über berufliche Interessen, Persönlichkeitsmerkmale oder individuelle Stärken und Schwächen aufklären. Wie so etwas im Kontext der Berufsorientierung aussehen kann, könnt Ihr z.B. hier oder hier einmal nachlesen.

Macht man die Frage der Wichtigkeit verschiedener Informationsquellen dann aber etwas weiter auf und schaut auf die Plätze 1, 2 und 3 so wird sehr schnell klar, dass Berufsorientierung immer in einen menschlichen Austauschprozess eingebunden sein sollte – einen Austausch mit Eltern, LehrerInnen, AusbilderInnen und auch – Stichwort “Augenhöhe” – mit aktuellen Auszubildenden!

Heißt: Berufsorientierung ist ein hybrider Prozess auch Selbstinformation und Mensch-Mensch…

Dies zeigt sich auch, wenn man auf die “Zufriedenheit” der jungen Menschen mit den einzelnen Informationsquellen schaut. Als Top1 werden oft Eltern oder FreundInnen genannt. Als Top2 finden sich dann “das Internet” oder “Online-Tools”…

Berufsorientierung? Eigentlich ganz gern. Aber eine Liebesbeziehung ist (noch) nicht

Fragt man junge Menschen danach, ob sie sich eigentlich gern mit ihrer beruflichen Zukunft beschäftigen, so zeigt sich, dass mehr als die Hälfte dies eigentlich sogar ganz gern tut. Ein weiteres knappes Drittel zumindest “teils-teils”.

Ich werte dies als ein doch erstaunlich hohes Maß an intrinsischer Motivation. “Bocklos” sieht auf jeden Fall anders aus. Gleichwohl sehe ich hier auch noch eine Menge Luft nach oben. Insbesondere denjenigen, die aktuell noch zur Schule gehen, scheint das Thema noch etwas mehr “bevorzustehen” als denjenigen, die die Schule schon hinter sich gelassen zu haben.

Auf jeden Fall kann es nicht schaden, bei der Berufsorientierung immer auch in “Recrutainment-Dimensionen” zu denken, sprich die seriöse berufsorientierende Information kurzweilig und unterhaltsam zu verpacken. Das kann in Form der bereits oben beschriebenen Recruiting Games geschehen, aber auch Social Media Kommunikation in Form von Insta-Reels oder TikToks können die “Lust” auf Berufsorientierung steigern.

Mehr Unterstützung nötig. Speziell bei Menschen mit geringerer Schulbildung

Ein letzter Punkt, den ich mir herausgegriffen habe, ist die Frage, ob sich die jungen Menschen bei der Berufsorientierung eigentlich hinreichend unterstützt fühlen. Ich meine, es hat ja über die letzten Jahre enorme Anstrengungen gegeben, die Situation zu verbessern (auch wenn vieles davon “verbesserungsfähig” ist und zudem durch die Pandemie auch wieder zurückgeworfen wurde).

So bewerten insg. rund 37% der Befragten die Unterstützung als ausreichend. Bezieht man aber das Niveau der Schulbildung mit in die Betrachtung ein, zeigt sich, dass insb. bei jungen Menschen mit geringerer schulischer Bildung dies nur 30% bejahen. Bedenkt man, dass der aktuelle Arbeitskräftemangel keineswegs nur noch einer ist, der bei Hochqualifizierten herrscht, sollte insb. hier angesetzt werden und bildungsferneren mehr Unterstützung bei der Findung passender Verwendungen gegeben werden.

Fazit:

Vielen Jugendlichen fällt berufliche Orientierung nach wie vor schwer. Ich bleibe dabei: Die Berufsorientierung muss dringend weiter verbessert werden. Es gilt, klassische Formate mit ansprechenden digitalen Angeboten zu ergänzen und zu verzahnen.

3 Gedanken zu „Lost at Sea… Berufliche Orientierung junger Menschen bleibt eine große Baustelle. Dabei liegt darin ein Lösungsbeitrag für den Arbeitskräftemangel

  1. Großartiger Artikel! Berufliche Orientierung ist sehr wichtig. Gerade jungen Fachkräften am Anfang ihrer Karriere gilt es zu helfen

  2. Ihr Artikel greift viele wichtige Fragen der Gegenwart auf. Aus eigenen Erfahrungen kann ich nur betonen, dass wir viele gute Ansätze haben, aber die eigentlichen Bedürfnisse der Jugendlichen m.E. zu wenig Beachtung finden. Im Rahmen der kommenden Fach- und Jahrestagung des dvb e. V. im September 2022 mit dem Thema “Von der Kita bis zum Un-Ruhestand – Berufliche Orientierung im Lebensverlauf –” steht die Berufsorientierung nicht nur für Jugendliche auf der Tagungsordnung.

  3. Sehr guter Artikel! Viele Jahre habe ich genau das, was darin beschrieben ist erfolgreich umgesetzt. Leider wurde meine Bemühungen zwar gerne genutzt, letztlich aber zugefüllt und wenig unterstützt, durch den übersteigerten Fokus auf Zahlen und Bürokratie. Entsprechend wurde Innovation und individuelles Engagement wenig anerkannt oder honoriert und wertgeschätzt… Solange die Umsetzung großer Ideen unter dem zermürbenden „klein klein“ von Eitelkeiten und fehlgeleiteten Interessen zerfällt, wird die die leuchtende berufliche Zukunft der nächsten Generation weiter blockiert bleiben. So werden Probleme chronisch kultiviert. Das hat mit überkommenen Machtinteressen und verbissenem Machterhalt zu tun, nicht mit Verständnis für die Bedürfnisse der zukünftigen Generation. Viele Ressourcen bleiben dabei bedauerlicherweise ungenutzt, während Unternehmen händeringend Nachwuchs suchen…. Hier müsste es dringend Korrekturen geben und menschlichen Austausch, der auch Autorisierung für motivierte Kräfte zur Folge hat!
    „Ich möchte schon, man mag leider Neuerungen nicht so gerne…Und schon rückt „Neues“ in weite Ferne! Ein Kreuz mit dem Kreislauf!“
    So habe ich es leider erlebt.
    Vielen Dank für den wirklich hervorragend recherchierten Artikel, der mir total aus dem Herzen sprach.

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