Seit nunmehr schon zehn Jahren untersucht Ausbildung.de in einer jährlichen repräsentativen Studie, was Auszubildende in Deutschland bewegt. Der neue Azubi.Report 2025/26 zeichnet ein klares Bild der jungen Generation auf dem Weg in die Berufswelt. Für Auszubildende und Schüler:innen zählt heute vor allem eines: Sicherheit. In Zeiten multipler Krisen suchen junge Menschen nach Stabilität, Planbarkeit und Sinn. Zugleich verändern Technologien wie ChatGPT oder Gemini die Art, wie Berufsorientierung funktioniert. KI wird zum Karrierebegleiter – aber je digitaler der Prozess, desto wichtiger bleiben persönliche Begegnung, Authentizität und Vertrauen. Was das für Unternehmen bedeutet, sagt Felix von Zittwitz, CEO von Ausbildung.de, im Interview.
Felix wird uns im Rahmen eines Spotlight-Vortrags auf der #HREdge26 am 26. März 26 übrigens Details zu diesem Themenfeld berichten. Als Felix und ich uns dazu abgestimmt haben, entstand die Idee, hier im Blog vorab schonmal Kernbefunde des Azubi-Reports 25/26 zu diskutieren. Wer das (auch mit Felix oder Jugendforscher-Papst Klaus Hurrelmann) persönlich weiterdiskutieren möchte, der sollte sich noch eines der exakt 24 verbliebenen Tickets für die #HREdge sichern…
Also Felix, wollen wir?
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Felix, was zeigt uns der Azubi.Report 2025/26 über die Auszubildenden von heute?
Vor allem: Diese Generation will Verantwortung übernehmen – sie tut es aber unter ganz anderen Vorzeichen als früher. Zwischen vielfältigen Krisen, Fachkräftemangel, Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel erleben wir junge Menschen, die gezielt nach dem suchen, was zu ihrem Leben passt. Das heißt vor allem: Sie wünschen sich einen planbaren und stabilen Beruf. Sicherheit ist für 82 Prozent der entscheidende Faktor bei der Ausbildungswahl. Nur noch ein Drittel achtet auf das Image eines Unternehmens. Was zählt, ist Verlässlichkeit.
Und finden sie diese Verlässlichkeit?
Ja. Zwar sagen nur 40 Prozent, dass sie ihren Traumjob gefunden haben. Aber das ist für viele okay. Denn gleichzeitig sind neun von zehn Azubis zufrieden mit ihrer Ausbildung. Das klingt im ersten Moment widersprüchlich – ist es aber nicht. Es zeigt, dass die Generation Z mit realistischen Erwartungen in die Arbeitswelt startet. Sie ist nicht illusionslos, aber auch nicht naiv. Sie weiß: Nicht jeder Job ist Erfüllung. Aber wenn er sicher ist, wenn die Atmosphäre passt, wenn Entwicklung möglich ist – dann ist das viel wert. Gerade in diesen Zeiten.
Was macht jungen Menschen in der Ausbildung zu schaffen?
Die größten Hürden entstehen oft ganz zu Beginn. Fast die Hälfte der Befragten konnte sich anfangs nicht vorstellen, wie die eigene berufliche Zukunft konkret aussieht. 42 Prozent hatten Schwierigkeiten, ihre eigenen Stärken und Talente zu erkennen. Und ein Viertel hat bereits darüber nachgedacht, die Ausbildung abzubrechen. Das hat oft wenig mit dem Gehalt zu tun – sondern mit Überforderung und Unsicherheit. Wenn junge Menschen nicht wissen, ob ihre Fähigkeiten zu den Erwartungen im Betrieb passen, geraten sie schneller ins Zweifeln. Fehlt der Fit, schwindet die Motivation – und damit geht potenzielles Fachkräftepotenzial verloren.
Das ist ja in der Tat ein Thema, an dem ich mich auch seit Jahren abarbeite… Realistic Job Preview – „was kommt da auf mich zu?“ ist ein nach wie vor von vielen Ausbildungstrieben zu wenig bespieltes Feld. Und dass junge Menschen Fragen stellen wie „was interessiert mich?“, „was kann ich?/was kann ich können?“ und vor allem „welche der buchstäblich Tausenden an Optionen passt eigentlich zu mir?“, ist auch seit Jahren bekannt und immer noch nicht wirklich gelöst. Auch das ist ja einer der Gründe, warum wir die #HREdge26 unter das Leitthema „Skills“ gestellt haben. Skills und berufliche Orientierung hängen direkt miteinander zusammen…
Was müsste sich in der Berufsorientierung ändern, damit nicht passiert, was du beschreibst – schwindende Motivation und Verlust von Fachkräftepotenzial?
Wir müssen früher und näher ansetzen. Mehr als die Hälfte der Azubis kannte ihren heutigen Ausbildungsberuf bereits seit Jahren, ein Viertel sogar schon seit der Kindheit. Ein gutes Drittel beginnt über ein Jahr vor Ausbildungsstart mit der Suche. Diese jungen Menschen sind nicht spät dran. Aber sie brauchen in dieser Phase echte Orientierung, nicht nur Infoflyer und schöne Websites. Sie brauchen Einblicke, Erlebnisse, Gespräche.
Auch da klingelt bei mir so einiges im Kopf. Wir haben ja vor einigen (fast 12!) Jahren mal – im wahrsten Sinne gemeinsam – eine Plattform für junge Menschen namens „blicksta“ ins Leben gerufen, die letztlich ja auch irgendwie in Ausbildung.de aufging. Einer der Kerngedanken dahinter war, dass wir wegkommen von der immer noch sehr zeitPUNKTbezogenen Berufsorientierung – den manchmal buchstäblich nur wenigen Wochen zwischen Schulende und Ausbildungs- bzw. Studienbeginn – hin zu einer Berufsorientierung, die über Jahre reifen kann… Also zeitRAUMbezogene Berufsorientierung.
Jetzt entwickelt die Welt sich ja auch hier täglich weiter… Insb. werden alle möglichen Lebensbereiche von Künstlicher Intelligenz beeinflusst. Man fragt die KI, was man essen soll oder wohin es in den Urlaub geht. Fragt man die KI auch, welchen Beruf man ergreifen soll?
Wie verändert Künstliche Intelligenz die Berufsorientierung?
Sie wird Teil der neuen Normalität. 65 Prozent der Auszubildenden haben im Schulkontext bereits erste Erfahrungen mit KI gesammelt, jede:r Zweite nutzt sie aktiv für die Berufsorientierung. Und mit jedem Ausbildungsjahr steigt das Vertrauen. Zwei Drittel der Azubis im dritten Lehrjahr gehen davon aus, dass KI künftig eine entscheidende Rolle für ihre beruflichen Schritte spielen wird. Drei von fünf erwarten, dass KI ihren Beruf verändern wird. KI wird damit zum Karrierebegleiter. Aber je mehr automatisiert wird, desto wichtiger wird in der Berufsorientierung das, was nicht automatisierbar ist: persönliche Begegnung, Kontext, Vertrauensaufbau.
Was bedeutet das für Unternehmen, die für Azubis in dieser neuen Welt sichtbar bleiben wollen?
Dass sie sich anpassen müssen. Die Berufsorientierung beginnt heute oft mit einem Prompt: „Was passt zu mir?“, „Was kann ich mit Realschulabschluss machen?“ Wer als Beruf oder Unternehmen in solchen Dialogen nicht vorkommt, verliert Sichtbarkeit. Und Sichtbarkeit wird heute algorithmisch verteilt. Das heißt: Berufe, die nicht erinnert werden, tauchen in ChatGPT, Gemini oder Perplexity schlicht nicht auf. Das betrifft vor allem Nischenberufe oder duale Studiengänge. Unternehmen müssen daher nicht nur SEO denken – immer wichtiger wird GEO: Generative Engine Optimization. Inhalte müssen so gestaltet sein, dass sie in KI-Dialogen auftauchen. Das wird der neue Wettbewerb.
Danke für das Stichwort… Zum Thema „GEO“ wird in den nächsten Wochen auch hier im Blog nochmal ein größere Beitrag folgen…
Der Azubi.Report spricht vom „Goldstandard“ im Recruiting. Was ist damit gemeint?
Gutes Recruiting ist heute keine Frage von Luxus – sondern in vielen Punkten von Hygiene. Junge Bewerber:innen erwarten Klarheit, Geschwindigkeit und digitale Einfachheit. Der Goldstandard 2025 sieht so aus: Rückmeldung innerhalb von fünf Werktagen, transparente Kommunikation im Prozess, und eine Rückmeldung auch bei Absagen. Das ist keine Kür, das ist Pflicht. Immerhin: Zwei Drittel der Unternehmen schaffen bereits eine Reaktion innerhalb einer Woche. Aber Ghosting ist immer noch weit verbreitet. 58 Prozent der Azubis haben es erlebt. Im Gegenzug gilt: Wer als Unternehmen heute keine Reaktionszeit unter einer Woche hat, wird von vielen Interessent:innen aussortiert – weil die Benchmark sich verschoben hat.
Welche Rolle spielen Plattformen wie Ausbildung.de bei der konkreten Suche?
Reichweitenstarke, inhaltlich getriebene Plattformen wie Ausbildung.de – oder auch unsere Marktbegleiter – sind nach wie vor zentrale Wegweiser für junge Menschen auf dem Weg in die Ausbildung. Viele starten ihre Orientierung mittlerweile zwar direkt bei ChatGPT – oft mit offenen Fragen statt konkreten Berufswünschen. Wer dann über KI-basierte Systeme zu uns kommt, bewirbt sich deutlich häufiger. Überhaupt nimmt unser Traffic überall dort zu, wo wir konkrete Stellenangebote machen.
Unsere Rolle wird also mehr und mehr zum “Match-Maker” mit den richtigen Unternehmen und konkreten Stellen. Hierauf richten wir uns ein und entwickeln datengetriebene (und ja, auch KI-basierte) Matching-Algorithmen, die den Bewerbungs- bzw. Recruitingerfolg maximieren. Am Ende zählt für Ausbildungsbetriebe ja weniger die reine Sichtbarkeit, sondern Ergebnisse: eine ausreichende Anzahl passender Bewerbungen.
Was rätst Du Unternehmen, die sich besser aufstellen wollen?
Die müssen natürlich alle den Azubi.Report lesen! Aber im Ernst: Zuhören, analysieren und verstehen, was diese Generation wirklich braucht – das wird immer wichtiger. Und dann gezielt investieren: in schnelle Prozesse, in authentische Kommunikation, in echte Orientierung. Auch das oft totgesagte Employer Branding wird, davon bin ich überzeugt, wieder relevanter werden. Denn digitale Sichtbarkeit wird immer knapper in einer Welt von AI Search und KI-Empfehlungen. Umso wichtiger, dass man dann im richtigen Moment mit den richtigen Botschaften und einer klaren Differenzierung hängen bleibt. Studien wie unser Report können dabei helfen.
Felix, ich danke dir für das Interview und deine Insights! Wie gesagt, wir setzen das spätestens im März bei der fort. Und wer der dringenden Aufforderung zum Lesen des Azubi-Reports 2025/26 folgen möchte, der findet diesen hier.


