Highlights der Studie “Azubi Recruiting Trends 2020”

Wenn man sich wie wir sehr viel mit der Personalgewinnung von Auszubildenden und Dual-Studierenden beschäftigt, dann gehört die jährlich erscheinende Studie “Azubi Recruiting Trends” quasi zur Pflichtlektüre.

Diese ist insofern herausragend, weil sie zum einen “doppelperspektivisch” ist, d.h. es werden sowohl Schüler auf der einen Seite als auch Ausbildungsverantwortliche auf der anderen Seite befragt, und zum anderen mit einer beträchtlichen Teilnehmerzahl die jeweiligen Befunde sehr breit empirisch absichert.

Die 2020er-Ausgabe ist so bereits die achte Ausgabe der Studie und es haben daran immerhin 5754 Schüler_innen und 2001 Ausbildungsverantwortliche teilgenommen.

Herausgegeben wird die Studie übrigens von u-Form Testsysteme. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Prof. Christoph Beck von der Hochschule Koblenz.

Ich habe mir die nun quasi druckfrisch erschienenen Ergebnisse mal angeschaut und daraus ein paar Highlights zusammengefasst.

Selbst- und Fremdbild der Schüler klaffen teilweise eklatant auseinander

Tja, den Spruch “Die Jugend von heute…” dürfte es wahrscheinlich schon genauso lange geben, wie es die Jugend gibt. Und jeweils die ältere Generation prangert darin die vermeintlichen Allüren der jüngeren an.

So überrascht es auch nicht, dass der heutigen Jugend – der GenZ – oft nachgesagt wird, sie sei etwas entrückt, hätte zuweilen ein wenig die Relation verloren, was sie schon geleistet hätte und was ihr zusteht und vor allem, was sie kann.

Das ist natürlich in dieser Pauschalität Quatsch, weil es “die Jugend” ja eh gar nicht gibt, aber möglicherweise könnte ein Körnchen Wahrheit dran sein, was wiederum vielleicht gar nicht so überraschend wäre bei einer Generation, die fast ihr ganzes bisheriges Leben in einem ökonomischen Aufschwung verbracht hat, die von klein auf beigebracht bekommen hat “du kannst alles werden, die Welt steht dir offen” und die von allen Seiten immer nur zu hören bekommen hat, dass sie aufgrund des Fachkräftemangels begehrte und umkämpfte “Mangelware” am Arbeitsmarkt sein wird.

Auf jeden Fall wartet die Azubi Recruiting Trends hierzu mit einem sehr erstaunlichen Befund auf:

So weicht die Wahrnehmung der befragten Schüler in Bezug ihre Leistungsfähigkeit, ihr Durchhaltevermögen, ihre Motivation, ihre Disziplin und ihr Benehmen wirklich eklatant davon ab, wie Ausbildungsverantwortliche ihre Azubis einschätzen…

Auswahlprozess gern so persönlich wie möglich, Tests sind okay, KI nicht so – zumindest wenn es nach Schülern geht…

Natürlich lässt auch die Azubi Recruiting Trends den Einsatz von Algorithmen im Recruiting nicht aus. Und natürlich ist das auch ein Themenfeld, das mich besonders interessiert.

So werden Algorithmen – sowohl solche, die zur Ansprache von Kandidaten eingesetzt werden (statt Bewerbung) als auch solche, die zur Vorauswahl eingesetzt werden – von Schülern noch mit einer gewissen Skepsis bewertet…

…aber zumindest was die Vorauswahl-Algorithmen angeht, scheint es so, dass die Schüler Tests damit nicht meinen. Denn diese kommen insgesamt ziemlich gut weg. Vorne liegen zwar immer noch die “persönlichen” Auswahlinstrumente (allen voran das Vorstellungsgespräch), aber Tests werden sowohl von Schülern als auch Ausbildungsverantwortlichen mittlerweile erfreulich positiv gesehen. Insb. dann, wenn diese im Auswahlprozess z.B. mit einem Interview kombiniert werden, was ja in der Realität ohnehin die Regel ist.

Tests – insb. dann wenn diese als Online-Tests durchgeführt werden – sind natürlich auch “Algorithmen”, aber es scheint aus Sicht der Schüler einen Unterschied zu “KI-Algorithmen” zu geben. Meine Vermutung ist hierbei, dass sich Tests aus Sicht der Schüler als das erheblich transparentere und nachvollziehbarerer Instrument darstellen.

Dies scheint auch insbesondere dann so zu sein, wenn die Tests online, also bequem von zuhause durchgeführt werden können. So deute ich zumindest einen Befund, der sich aus dem aus aktuellem Anlass parallel zur Azubi Recruiting Trends durchgeführten Corona-Stimmungsbarometer (N=708) ergibt:

Generation Greta? Nicht so wirklich. Handfeste Argumente sind bei der Wahl des Ausbildungsbetriebs wichtiger als Klimaschutz oder Soziales Engagement

Bevor sie nun vielleicht zur Generation Corona wird, nannte man die Schüler ja auch gern mal Generation Greta, eine Generation, die den Klimaschutz als wichtigstes zu lösendes Problem ansieht und dafür allfreitäglich auch die Schule sausen lässt, um auf Fridays for Future-Demos für dieses Anliegen zu demonstrieren.

Nun, das mit dem “Freitags zur Schule müssen”, dann hatte sich durch Corona ja jetzt eh erstmal erledigt und ob das nach den Sommerferien wieder normal weitergeht, muss bei der Professionalität unserer Bildungspolitik wohl leider auch ernsthaft bezweifelt werden.

Aber soo wichtig scheint den Schülern der Klimaschutz eh nicht zu sein. Zumindest wenn es um die Wahl des Ausbildungsbetrieb geht. Da stehen nämlich erstmal ganz andere Themen weit oben auf der Liste: Guter Ruf des Unternehmens als Ausbildungsbetrieb, Übernahmequote, Nähe zum Wohnort oder auch natürlich der Verdienst. Die weichen Merkmale wie Achtung auf den Klimaschutz oder Soziales Engagement tauchen erst ganz hinten auf der Liste auf. Hemd ist eben doch näher als Hose.

Ich will das nicht verurteilen. Wahrscheinlich ist das nur allzu menschlich. Aber es rückt die Dinge etwas zurecht. Wer also als Ausbildungsverantwortlicher meint, dass die jungen Leute einem die Bude einrennen, weil man Klimaschutz oder Soziales Engagement ins Schaufenster rückt, der sollte nicht allzu enttäuscht sein, wenn der Run ausbleibt…

Stellenanzeigen – so konkret wie möglich bitte!

Womit wir beim Azubimarketing wären. Eine oft diskutierte Frage ist hierbei ja auch immer, welche Informationen denn kommuniziert werden sollen, z.B. in Stellenanzeigen.

Und hier zeigt sich (mal wieder), dass die Schüler es gern konkret haben: Beschreibung des Ausbildungsberufs und -betriebs, Nennung der Anforderungen an die Bewerber_innen, Perspektiven nach der Ausbildung, Ablauf der Ausbildung…

Das ist nun wirklich keine Neuigkeit: Die Forschung zu “Realistic Job Preview” predigt dies schon seit Jahrzehnten: Je reiner der Wein, der einem eingeschenkt wird, desto weniger böse Überraschungen (in diesem Kontext z.B. eine abgebrochene Ausbildung) gibt es anschließend.

Die Praxis zeigt leider allerdings oft immer noch das Gegenteil: Azubimarketing wird oft nach dem Motto “im Himmel ist Jahrmarkt” betrieben. Von daher werfe ich nochmal die Gebetsmühle an und schicke die Argumente aus der Azubi Recruiting Trends-Studie mit:

Liebe Unternehmen, gebt den jungen Menschen die relevanten Informationen, möglichst konkret (und auch nicht nur in Stellenanzeigen, sondern über alle Kanäle)!

Sie werden es euch danken.

Über welche Werbekanäle lassen sich Schüler mit Azubimarketing erreichen?

Zu dieser Frage lieferte ja auch kürzlich schon die Schülerbefragung 2020 der apoBank sehr interessante Antworten (gern auch da nochmal nachlesen!). Auch die Azubi Recruiting Trends bestätigen, dass sich Schüler in erster Linie über Online-Kanäle (Internet-Werbung in Magazinen und Suchmaschinen sowie Social Media Kanäle) erreichen lassen. Aber auch hier wird bestätigt, dass Messen und Veranstaltungen nach wie vor eine große Bedeutung für Schüler haben (so sie denn trotz Corona irgendwann wieder in dieser Form stattfinden können).

Die Ausbildungsverantwortlichen sehen das scheinbar ähnlich und betonen auch diese drei Kanäle am stärksten.

Ich glaube allerdings, dass sie zumindest beim Thema Suchmaschinenmarketing noch erheblich Luft nach oben haben. Bei der Befragung wurden Online-Magazine und Suchmaschinen unter der gemeinsamen Überschrift “Internet-Werbung” zusammengefasst, so dass sich deren Einsatz recht einfach bejahen lässt, wenn man irgendwo Banner schaltet. Suchmaschinenmarketing, z.B. über Google Adwords, ganz zu schweigen von Suchmaschinenoptimierung, gehört hingegen nach meiner Beobachtung definitiv nicht zu den Themen, die Ausbildungsverantwortliche in großer Zahl beherrschen oder praktizieren.

Wer dazu mehr lesen möchte, der wird z.B. hier und hier fündig. Und wer sich dazu beraten lassen will, der kann sich gern bei uns melden…

Studie zum kostenlosen Download

So, draußen ist es heiß und die Sonne scheint. Ich will es bei diesen paar Highlights aus der Azubi Recruiting Trends Studie bewenden lassen. Wer sich auch die anderen Befunde und Detailergebnisse näher anschauen will, der kann sich die Studie bei U-Form kostenlos herunterladen. Das Corona-Stimmungsbarometer findet man da übrigens auch!

Ein Gedanke zu „Highlights der Studie “Azubi Recruiting Trends 2020”

  1. Ich mag die Art wie Sie schreiben, aber mich stören die Darstellung der Daten und die damit erzwungene Missinterpretation der Daten bei Selbstbild vs. Fremdbild.
    Um das zu illustrieren greife ich den ersten Punkt heraus:

    Ich frage Verantwortliche: Ist der Großteil der Azubis leistungsstark?
    Nur 10% geben die Antwort „trifft voll zu“, also eine 5. (Direkt darunter auf der Skala befindet sich ziemlich sicher „4 – trifft zu“ )
    Ich frage jeden einzelnen Azubi: Bist du leistungsstark?
    37.5% geben die Antwort „trifft voll zu“, also eine 5.
    62.5% geben demnach eine Antwort von 1-4 – also, dass die Aussage „Bist du leistungsstark“ nicht voll auf sie zutrifft. (Da hier nur „5 – trifft voll zu“ als „ja“ angesehen wird, sind die 62.5% der Großteil, der sich nicht als leistungsstark sieht)

    Selbst dann (!), wäre eine sinnvolle Interpretation demnach, dass die Personalverantwortlichen nur einen kleineren Teil der Azubis als leistungsstark betrachten – das würde zu den 37.5% Azubis passen, die angegeben haben, dass Leistungsstärke auf sie voll zutrifft.
    Mit der direkten Gegenüberstellung der Zahlen 37.5% der Azubis und 9.6% der Personaler suggeriert man aber eine große Diskrepanz.

    Besser wäre es z.B. die Zustimmung in Form von „4 – trifft zu“ in die Betrachtung aufzunehmen. Warum? Weil die Extremwerte (1 und 5) relativ selten ausgewählt werden und man Extremgruppen betrachtet, die eventuell nicht die Realität abbilden. Zusätzlich stellt sich auch die Frage in wie fern sich „trifft zu“ von „trifft voll zu“ für die gewünschte graphische Gegenüberstellung unterscheidet. Darüber hinaus eignen sich die beiden Fragen nur begrenzt für eine solche direkte Gegenüberstellung.

    Das sind nur einige meiner Gedanken. Dennoch vielen Dank für Ihren Blog und die häufig sehr hilfreichen Beiträge! Entschuldigen Sie bitte, wenn Teile meiner Kritik unhöflich rüberkommen. Das ist ungewollt.

    Viele Grüße
    Daniel

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