Ich denke, ich bin nicht der einzige, der es so empfindet: Die Zeiten sind herausfordernd. Man kann es ja förmlich mit Händen greifen: Dinge verändern sich aktuell rasant. Alte Gewissheiten gelten nicht mehr. Neue haben sich noch nicht gefunden.
Bei den geostrategischen Big Picture-Themen angefangen – Krieg in Europa, Abkehr der USA von Europa und den als sicher angenommenen „gemeinsamen Werten“, Verteidigungsfähigkeit und Aufrüstung – über Verschiebungen im politischen und gesellschaftlichen Diskurs – bröckelige Brandmauern, neue Männlichkeit und Tradwives, Rentendebatte, marodes Gesundheitssystem, Wehrdienst – und dem vermutlichen Ende des „deutschen Geschäftsmodells“ – bestehend aus amerikanischem militärischen Schutz, billigem russischen Gas und Exportrekorden nach China – bis hin zu technologischer Disruption in allen Lebensbereichen – KI lässt grüßen -, überall hat man das Gefühl, dass die Dinge neu verhandelt werden.
Und das führt zu massiver Verunsicherung.
Auch das gilt natürlich auch für HR im Allgemeinen sowie Personalgewinnung im Speziellen:
Haben wir nun miese Konjunktur, De-Industrialisierung und Personalabbau? Und damit einhergehend wieder einen Arbeitgebermarkt?
Oder haben wir Fach- und Arbeitskräftemangel, der sich demografiebedingt über die nächsten Jahre noch weiter verschärfen wird? Ist es ein Bewerbermarkt?
Auch hier lautet die Antwort: Ja. Und zwar auf beide Fragen. Es kommt eben darauf an, wo genau man hinschaut.
Neulich – ich habe es leider nicht wiedergefunden – las ich einen Nachrichtenticker, in dem recht weit oben ein massiver Personalabbau bei ThyssenKrupp vermeldet wurde. Gleichzeitig – etwas weiter unten – ging es um das rasante Personalwachstum bei TKMS. Nun, das TK in TKMS steht auch für ThyssenKrupp… Ein sehr schönes Bild, das die Gleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit dieser Zeit zum Ausdruck bringt. Aber auch symbolisch dafür, dass wir momentan stark dazu neigen, die schlechten Dinge überzubetonen, die guten leicht zu übersehen… Typisch deutsch ist das Glas halt halb leer, statt halb voll.
Und KI? Ist SEO tot und ab jetzt heißt es GEO? Wer weiß das schon mit Sicherheit? Tja, KI ist zweifelsohne eine bahnbrechende technologische Entwicklung. Aber die buchstäbliche Antwort auf alles? Wohl kaum… Für Boomer lautet diese weiter 42, für Alphas 67… Klar, es fließt obszön viel Geld in diesen Bereich, die Erwartungen sind immens. Gleichzeitig sprechen viele inzwischen von einer Blase, aus der dringend Lauft raus muss. Das durch das viele Kapital bedingte Overselling muss beinahe zwangsläufig zu enttäuschten Erwartungen führen.
Wo und wie KI seinen Platz z.B. beim Thema Personalgewinnung finden wird, ist immens schwer zu prognostizieren, selbst wenn (oder gerade dann…?) man sich täglich sehr intensiv damit befasst
Ich habe Chatty mit folgendem Prompt gebeten, mir ein Bild zu generieren, das den Tenor dieses Artikels wiedergibt:
generiere mir ein Bild, das in einem weihnachtlichen Setting spielt und die Metapher zum Ausdruck bringt, dass sich aktuell alles verändert, alte Gewissheiten nicht mehr gelten und Dinge neu verhandelt werden.
Heraus kam dies:
Ich finde, das ist ganz trefflich gelungen. Gedauert hat es 45 Sekunden. Noch gar nicht allzu lange her, wäre es ein Projekt gewesen, das locker einen Tag in Anspruch genommen hätte.
Ob KI wiederum auch in der Lage ist (oder jemals sinnvoll sein wird), zu bewerten, ob ein Mensch für eine Stelle geeignet ist oder welcher Ausbildungsberuf der richtige für einen ist, ist wiederum gar nicht so eindeutig. Nicht ganz grundlos wollen wir uns ja im März bei der #HREdge26 auch mal wieder genau diesen Fragen widmen (gibt noch 15 Tickets, just saying…).
Und das führt mich auch zu meinem eigentlichen Punkt: Wir sollten langsam alle mal diesen ewigen Götterdämmerungs-Sound ablegen. Ja, es ist (und bleibt) schwierig, aber ja auch nicht unlösbar. Statt immer nur zu lamentieren und zu fragen „was könnte passieren?“ oder „wie soll es bloß werden?“, könnte man ja auch langsam mal wieder ins „Machen“ wechseln. (Neue) Dinge ausprobieren, daraus lernen und dann anpassen oder verwerfen statt alles immer zu überproblematisieren. Sich vielleicht beim drölften Formular mal zu fragen, ob es wirklich so wichtig ist und was denn schlimmstenfalls passieren kann, wenn man es einfach weglässt.
Spätestens jetzt wäre doch so langsam mal der Zeitpunkt gekommen, den Blick nach vorn zu richten. Man wird dabei feststellen, dass die Zukunft gar nicht so furchtbar aussieht. Und spätestens wenn man sich dann aufmacht, könnte vieles auf wundersame Weise eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden.
In diesem Sinne: Habt schöne Feiertage, kommt gut ins neue Jahr und dann lasst uns 2026 in die Hände spucken und aufbrechen!
