Schulnoten und ihre Vorhersagekraft für den Ausbildungserfolg

In schöner Regelmäßigkeit taucht sie wieder auf, die Frage nach dem Erkenntnisgehalt von Schulnoten.

Insbesondere spielt diese Frage natürlich eine große Rolle bei der Rekrutierung von Auszubildenden und Dual-Studierenden. Da diese jungen Menschen naturgemäß in aller Regel in ihrem Leben noch keine große Gelegenheit hatten, eine individuelle Erwerbsvita aufzubauen, aus der sich (vermeintlich) dann auch Unterscheidbarkeit hinsichtlich der Eignung herauslesen ließe, stellten und stellen Schulnoten oft noch immer mehr oder weniger die einzige Metrik zur Vergleichbarkeit dar – Schulnoten haben zumindest alle…

Das ist sicherlich allemal besser als die Vorauswahl anhand von Geschlecht,  Bewerbungsfoto oder “Qualität” des Anschreibens vorzunehmen, aber dass es auch hier große Defizite gibt, ist sowohl Wissenschaft als auch Praxis schmerzlich bewusst.

Nicht von ungefähr haben inzwischen ja auch viele Unternehmen die Bedeutung der Schulnoten in der Vorauswahl teilweise deutlich heruntergefahren und setzen stattdessen auf Auswahltests (vor allem zur Überprüfung der kognitiven Leistungsfähigkeit).

Doch da diese Frage immer wieder aufkommt, haben wir uns einmal angeschaut, was eigentlich die Forschung dazu sagt…

Berücksichtigt man Studien zur prognostischen Validität, so sind Schulnoten im Allgemeinen – verglichen mit anderen Auswahlmethoden – kein wirklich valider Prädiktor für den beruflichen Erfolg. Nach der relativ neuen Meta-Analyse von Schmidt, Oh und Shaffer (2016) liegt die prognostische Validität von Schulnoten bei r = .34.

Kleiner Exkurs zur prognostischen Validität: Diese sagt etwas darüber aus, wie gut ein bestimmter Prädiktor (hier die Auswahlmethode) ein Kriterium (hier Berufserfolg) vorhersagen kann. Dabei drückt der Validitätskoeffizient r die Höhe des Zusammenhangs aus. Je höher der Validitätskoeffizient desto höher der Zusammenhang.

Ein r von .34 ist gar nicht so schlecht, berauschend aber auch nicht gerade. Denn um das nochmal für den Nicht-Statistiker zu übersetzen: Ein r von .34 heißt ja, dass dies gerade einmal 11,5% der Varianz des Merkmals (hier Berufserfolg) aufklärt.

Im Vergleich zur prognostischen Validität von Schulnoten (r = .34) liegt lt. der genannten Meta-Studie die prognostische Validität von kognitiven Leistungstest bei r = .65.

Bereits vor knapp 20 Jahren stellten Schmidt und Hunter (1998) fest, dass kognitive Leistungstests mit einem Validitätskoeffizienten von r =.51 eine gute Vorhersagekraft besitzen – dies spricht somit für den Einsatz solcher Verfahren, z.B. im Rahmen eines Online-Assessments.

Neben der vergleichsweise höheren Prognostik solcher Leistungstests spricht auch für sie, dass sie für alle BewerberInnen gleich messen. D.h. man kann direkt eine Bewerberin aus Bayern mit einem Kandidaten aus Bremen vergleichen, was sicherlich bei der Mathenote der beiden aus dem Abschlusszeugnis der 10ten Klasse nicht so ohne Weiteres geht. Denn wie verschiedene Befunde zeigen (z.B. Baron-Boldt, Funke & Schuler, 1988; Schuler, 2014) herrschen in den Bundesländern uneinheitliche Bezugssysteme bei der Notenvergabe.

Schmidt, Oh und Shaffer (2016) haben zusätzlich untersucht, wie die Validität eines Auswahlprozesses ansteigt, wenn man zusätzlich zu den kognitiven Leistungstests andere Auswahlmethoden kombiniert (inkrementelle Validität). Bezieht man die Schulnoten in die Auswahl mit ein, erhöht sich die Validität lediglich um ein Prozent. Im Gegensatz dazu, bringt das strukturierte Interview einen Validitätszuwachs von 20% mit sich.

Schulzeugnisse liegen mit r = .41 im Mittelfeld, wenn es um die Prognose des Ausbildungserfolges geht. Ähnlich sieht es bei der Abiturdurchschnittsnote aus. Diese ist mit r = .32 ebenfalls ein Prädiktor im Mittelfeld für berufliche Leistung. Dabei sollte stets die Durchschnittsnote und nicht die Einzelnote betrachtet werden. Das Problem bei Einzelnoten besteht darin, die Leistungsfähigkeit durch einzelne Noten zu über- oder unterschätzen.

Tatsächlich ist die Berücksichtigung von bzw. der Umgang mit Schulnoten im Auswahlprozess selbst unter Wissenschaftlern umstritten. Diese unterschiedlichen Standpunkte werden gut im Streitgespräch zwischen den renommierten Eignungsdiagnostikern Martin Kersting und Heinrich Wottawa deutlich:

Allgemein gesprochen wird dort einerseits der Standpunkt einer nachgewiesenen geringen prognostischen Validität von Schulnoten vertreten (entsprechende Studienergebnisse haben wir oben zusammengefasst dargestellt), andererseits aber auch verdeutlicht, dass es sich um eine Bewertung mehrere Beurteiler (Lehrer) über eine vergleichsweise lange Zeitspanne (12-13 Schuljahre) hinweg und mittels verschiedener Methoden (mündlich, schriftlich etc.) handelt, sodass die Berücksichtigung von Schulnoten durchaus eine Berechtigung im Auswahlprozess hat. Im Artikel wird zudem betont, dass Schulnoten nicht als einzige Entscheidungsgrundlage herangezogen werden sollten, als zusätzliches Kriterium aber durchaus einbezogen werden können.

Fazit:

Grundsätzlich sollten Schulnoten nicht als einziges Auswahlkriterium herangezogen werden. Ein Auswahlprozess sollte immer mehrere Auswahlinstrumente kombinieren. Die Schulnoten müssen im Umkehrschluss natürlich nicht komplett ignoriert werden. Falls bei der Auswahl nicht auf die Schulnoten verzichtet werden soll, sollte am besten die Durchschnittsnote zur Bewertung herangezogen werden.

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