Wie werden wir in 40 Jahren über 2020 sprechen? Ein paar Gedanken anlässlich des Geburtstags der HR Tec Night

Tja, es ist noch gar nicht so lange her: Mitte Februar haben wir mit rund 140 Gästen eine rauschende Party in einer verruchten Kellerbar auf St. Pauli gefeiert. Der Anlass: CYQUEST wurde 20 Jahre alt. Irgendwie fühlt sich das aktuell, vor dem Hintergrund von Kontaktsperren, Kneipenschließungen und Veranstaltungsverboten an, wie eine Erinnerung aus einer lang zurückliegenden Vergangenheit…

Auf jeden Fall war der Abend für uns ein ganz besonderer. Nicht nur weil die Party gelungen war, sondern auch und vor allem, weil wir damit ja auch einen Blick zurück auf 20 Jahre Unternehmensgeschichte werfen konnten, gemeinsam mit zahlreichen Kunden, Partnern und nicht zuletzt einem Großteil der aktuellen und ehemaligen Kolleginnen und Kollegen.

Wir wollen uns zwar nicht auf 20 Jahren und dem Erreichten ausruhen, aber von Zeit zu Zeit ist es schon sinnvoll, auch das Vergangene einmal kontemplativ zu resümieren.

Denn (und damit komme ich so langsam zum Thema…): Die letzten 20 Jahre waren ja alles andere als eine ereignisarme Zeit, in der immer alles glatt ging und nur die eine Richtung aufwärts kannte.

Wir gründeten damals mitten in die sog. New Economy hinein und haben buchstäblich die gesamte Achterbahnfahrt mitgenommen: Steiles Wachstum, Millionenbewertung, Popstartum, Ministerhände-Schütteln und Büro in Barcelona genauso inklusive wie 95 Prozent der Mitarbeiter kündigen, mit der Firma wieder zuhause ins Wohnzimmer einziehen und sich ein paar Monate lang nur mit dem Verkauf überflüssiger Büromöbel über Wasser haltend, bevor es dann langsam aber kontinuierlich wieder aufwärts ging.

Und naja, die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 gab es ja auch noch. Die haben wir zwar unterm Strich vergleichsweise wenig zu spüren bekommen, aber das lag mehr oder weniger daran, dass wir mit dem Hochschulgeschäft zu dem Zeitpunkt bereits ein zweites und weitestgehend konjunkturunabhängiges Geschäftsfeld aufgebaut hatten, das uns recht komfortabel über diese ansonsten ja nicht so einfache Phase hinweghob. Dass es deshalb aber keine Probleme zu lösen galt, nun das kann man sicherlich auch nicht behaupten.

Und nun? 2020 wird sicherlich als Zeitenwende in die Geschichte eingehen.

Nicht nur, dass wir in Deutschland bzw. den entwickelten Industrienationen eine nicht nur im Ausmaß, sondern auch in der Form in der jüngeren Menschheitsgeschichte beispiellose Rezession erleben (werden). Nein, diese Verwerfung erwischt buchstäblich die ganze Welt. Es sind auch nicht einzelne Branchen, sondern es sind weite Teile der Wirtschaft betroffen. Und es ist nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern die Corona-Krise erreicht quasi jeden Winkel des Lebens. Alles hängt mit allem zusammen und es fühlt sich so an, als hätte jemand gleichzeitig an ganz vielen Stellen des Systems den Stecker gezogen.

Wie gesagt: Abschließend bewerten lässt sich das natürlich jetzt noch nicht. Es fühlt sich eher an als wäre man Teil eines Theaterstücks, bei dem irgendwie die Reihenfolge der Akte vollkommen durcheinander geraten ist, die Botschaften sich z.T. diametral gegenseitig widersprechen und das ganze keinen Erzählfaden zu haben scheint.

Aber so ist das, wenn Geschichte passiert. Das Narrativ, die mehr oder weniger stringente Geschichte wird immer erst im Nachhinein und meist erst mit gehörigem zeitlichen Abstand sichtbar.

Ich persönlich glaube 2020 wird in die Geschichtsbücher eingehen als das Jahr, das später für einen Epochenwechsel steht. Ich glaube, das Zeitalter der mehr oder weniger alles erfassenden Ökonomisierung, in dem alles ein Preisschild hat und alles sich nach dem Prinzip “E größer A” bzw. “größer, schneller, mehr” organisiert, dieses Zeitalter endet.

Meines Erachtens waren die Zeichen auch schon vor Corona deutlich erkennbar (ich sag nur Klimakrise, Fridays for Future, Brexit und so…), aber das “Große C” markiert den Wendepunkt. Im Gegensatz zur Klimakrise, die sich zwar im erdhistorischen Maßstab schnell aber ja eben doch über Jahre bzw. Jahrzehnte entwickelt hat, kam Corona von einem Tag auf den anderen. Das ist kein See, der heute weniger Wasser führt als vor 30 Jahren. Das ist eine Badewanne, die eben noch voll war und bei der nun einer den Stöpsel gezogen hat.

Aus so einem Stoff sind historische Ereignisse gemacht, die zukünftig als Symbol für Zeitenwenden stehen werden. Seuchen haben das Zeug dazu: Auch die Pest war maßgeblich daran beteiligt, das ständische Feudalsystem des Mittelalters zu beenden und den Weg zur Aufklärung freizumachen.

Nun, ich will hier jetzt kein neues “Dawning of the Age of Aquarius” ausrufen. Ich habe zwar in Berkeley studiert, aber dafür bin ich dann doch zuwenig Hippie. Aber dass etwas dabei ist sich zu verändern, das dürften ja alle irgendwie spüren.

Und das betrifft alle Lebensbereiche, folglich auch – reduzieren wir mal ein wenig die Flughöhe – auch das Personalwesen bzw. – noch eine Etage weiter runter – die Personalgewinnung.

Wie das in näherer Zukunft aussehen könnte, ich sag mal so 2030 als erstes zu nennendes Datum, dazu habe ich mir ja vor ein paar Tagen schon mal so meine Gedanken gemacht und diese aufgeschrieben – könnt Ihr hier nachlesen. Neben den “naheliegenden” Folgen wie “beschleunigter Digitalisierung” sehe ich hier insbesondere auch Themen wie “Bedeutungszuwachs von Werten” (auch im Employer Branding) und “weniger Ökonomisierung” systemrelevanter Branchen und Unternehmen und damit einhergehend auch “größere Wertschätzung” (nebst besserer Bezahlung) lange vernachlässigter Berufsbilder (Pflege etc.).

Warum – und das frage ich als jemand, der mal Volkswirtschaft studiert hat – muss ein natürlicher Monopolist wie die Deutsche Bahn Profit abwerfen? Das Unternehmen sollte in erster Linie für funktionierenden Gleisverkehr sorgen.

Warum jammern alle über Pflegenotstand, sorgen aber nicht für ein System, in dem diese Jobs bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung bekommen?

Und warum dürfen Unternehmen in guten Zeiten Dividenden und Boni ausschütten, wenn sie dann in schlechten Zeiten sofort von der Allgemeinheit gerettet werden müssen (die Dividenden und Boni aber natürlich trotzdem weiter ausschütten dürfen)?

Dürfen wir weiter fleißig den Regenwald abholzen, weil Nutella mit Palmöl besser schmeckt, wenn wir damit nicht nur das Klima ruinieren, sondern auch noch alle möglichen fiesen Erreger aus dem Dschungel holen?

Fragen wie diese werden uns noch viel stärker als bisher beschäftigen und ich glaube zukünftig von der Gesellschaft etwas anders beantwortet werden als bisher. Das “große C” wird historisch gesehen diesen Wandel symbolisieren.

Dass sich das Wort CHANGE in CHANCE verwandelt, wenn man ein großes C einfügt, an der Symbolik hätte wahrscheinlich selbst Dan Brown seinen Spaß…

Nun, zurück zu Geburtstagen: Diese paar lose hingeworfenen Gedanken sind Teil der kleinen Blogparade (Hashtag #came2stay), die Robindro Ullah und Michael Witt anlässlich des dreijährigen Geburtstags der HR Tec Nights initiiert haben.

Dazu erstmal, lieber Robin, lieber Michael ein dreifaches “Happy Jappy B-Day”, Maythe4thbewithyou!

Eine eurer Leitfragen für die Blogparade war “Wie blickt die Welt in 40 Jahren zurück auf das Jahr 2020?”

Tja, wer weiß das schon? Sie wird mit einiger Sicherheit noch existieren und sie wird sehr sicher eine ganz ganz andere sein als heute. Wie sie genau aussehen wird, das weiß ich nicht. Da hab ich wahrscheinlich längst “taube Ohr´n, nen weißen Bart und sitz´ im Garten…”.

Aber ich bin mir relativ sicher, dass egal wie sie aussehen wird, rückblickend dem Jahr 2020 eine sehr maßgebliche Rolle bei der Veränderung zugeschrieben werden.

Zeitenwende eben.

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