Corona: Ein unfreiwilliger großangelegter Feldversuch für New Work?

Tja, es ist ja gerade erst ein paar Tage her, dass ich über New Work geschrieben habe und dabei in Form eines Gastbeitrags von “Digitale Erschöpfung”-Autor Markus Albers auf die negativen Folgen der kontinuierlichen Beschleunigung durch New Work-Phänomene wie Always on oder Remote Work hinwies.

Nun, jetzt sieht es erstmal so aus, als wenn uns allen eine erhebliche ENTschleunigung bevorsteht. Die Corona-Pandemie sorgt nicht nur dafür, dass Schulen, Kitas, Sportvereine, Theater, Sportarenen usw. bis auf Weiteres geschlossen bleiben werden, sondern es sorgt natürlich auch für dramatische Folgen in der Wirtschaft und im Arbeitsleben.

Wir selber haben bei CYQUEST mit dem gestrigen Tag alle Mitarbeiter/innen ins Homeoffice geschickt. Das gilt erstmal “auf Sicht”. Wir haben keinen aktuellen Anlass oder Verdachtsfall in der Firma, aber ich bin schon der Meinung, dass jeder seinen kleinen Beitrag dazu leisten kann und sollte, die Verbreitungsgeschwindigkeit der Pandemie zu reduzieren. Begegnungsanlässe auf dem Weg zur Arbeit, im öffentlichen Nahverkehr oder auch im Büro zu reduzieren, kann auf jeden Fall nicht schaden. Stichwort: #flattenthecurve.

Wir sind als Unternehmen allerdings auch in der sehr komfortablen Situation, diesen Schritt mehr oder weniger ohne weitere Einschränkungen im normalen Arbeitsablauf machen zu können: Alle Mitarbeiter haben Laptops, mit denen sie von überall aus arbeiten können, solange es Internet gibt. Zugriff auf Systeme erfolgt per VPN, Zugriff auf Papierunterlagen ist ohnehin so gut wie kaum noch erforderlich. Die Kommunikation erfolgt über Telefon, Teams, E-Mail sowie verschiedene andere Kollaborationstools. Die Telefone im Büro sind umgeleitet. Sprich: Für uns verändert sich insgesamt sehr sehr wenig.

Da wir in einer vergleichsweise “virtuellen” Branche arbeiten und nichts Haptisches produzieren, aber auch weil wir aufgrund einer vergleichsweise dezentralen Struktur mit zwei Büros in Hamburg und Mitarbeitern, die über verschiedene Bundesländer verteilt sitzen und arbeiten, mehr oder weniger “schon immer” so gearbeitet haben.

Wenn man so will ist dieses ganze “New Work” für uns schon lange “Normal Work”.

Daher habe ich mich auch sehr lange gefragt, was daran denn nun so revolutionär sein soll, dass man dieses Thema unter Schlagworten wie Arbeit 4.0 oder eben New Work gleich zum Paradigmenwandel und Kulturschock in der Arbeitswelt hochjazzte. Was ich dabei verkannte (ja, jeder lebt halt immer so ein wenig in der eigenen Bubble…):

Wir sind ja auch nicht ganz normal!

Für die meisten Firmen der – ich benutze jetzt mal einen herrlich angestaubten Begriff, ich bin ja ein alter Mann… ;-) – “Old Economy” sind diese Themen eben doch revolutionär. Angefangen bei ganz praktischen Problemen (man kann eben eine Fertigungslinie in der Autoindustrie nicht zum Mitarbeiter nach Hause verlegen…) und der technischen Infrastruktur (jedem Mitarbeiter ein Heimarbeitsplatz, der vollwertiges Arbeiten nebst Zugriff auf alle relevanten Systeme ermöglicht und wichtigen Sicherheitsanforderungen genügt…) bis hin zu kulturellen Fragen; all das sind dicke Bretter, die erstmal gebohrt sein wollen, insbesondere wenn das Unternehmen nicht 25 Mitarbeiter/innen (wie wir) hat, sondern vielleicht zwei, drei oder vier Nullen mehr…

Gerade die kulturellen Fragen sind oft erhebliche Hürden. Ohne jetzt allzu weit auszuholen, Präsenzkultur oder die Vorstellung, dass Menschen nur unter Aufsicht wirklich arbeiten sind nach wie vor unheimlich weit verbreitet. Ausrufe wie: “Wie stellen Sie sich das denn vor?”, “Wie soll das denn gehen?” oder auch “dann bekommt ja keiner mehr mit, was vor sich geht” kennt wohl jeder… Die Vorstellung, dass Homeoffice automatisch so was wie “on the Beach” bedeutet, steckt ganz tief in vielen Köpfen…

Bild von stokpic auf Pixabay

Ein unfreiwilliger großangelegter Feldversuch für New Work?

Nun, ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Wochen gezwungenermaßen einen nie dagewesenen Feldversuch für New Work erleben werden, der – um bei der Metapher der dicken Bretter zu bleiben – einem Schlagbohrer gleichkommen wird. Das was all die New Work-Evangelisten in mühsamer Überzeugungsarbeit über die letzten Jahre an Fortschritt bei diesem Thema bewirkt haben, wird ein kleiner garstiger Virus in wenigen Tagen bewirken.

Ja, es wird erhebliche Verwerfungen geben und sowohl betriebs- als auch volkswirtschaftlich werden wir die Corona-Bremsspur in beträchtlichem Ausmaß zu spüren bekommen. Das werde ich ganz sicher nicht kleinreden. Auch können Teams, Slack, Zoom und Co. ganz sicher nicht (schon gar nicht über Nacht) alles gleichwertig ersetzen.

Aber: Wir werden feststellen, dass sehr vieles aus der Schublade “Wie soll das denn gehen?” auf einmal sehr wohl geht. Es muss nicht mehr alles in Meetings in großen Runden besprochen und gelöst werden, es muss nicht für jeden 45-Minuten-Termin der Flieger bestiegen werden, um durch die Welt zu fliegen und einen ganzen Tag dafür drauf zu geben und manchmal ist weniger Trubel um einen herum ja auch durchaus der Konzentration zuträglich… Und wenn ein Videocall dann mal so aussieht…

…dann geht die Welt daran ganz sicher nicht zugrunde!

Die Corona-Krise wird vorbeigehen. Aber ich glaube, die Welt wird danach nicht mehr ganz die gleiche sein. Auch die Arbeitswelt nicht.

Vorerst aber: Optimistisch bleiben und Hände waschen!!!

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Dies ist ein Beitrag zur Blogparade #HRvsCoronaKrise.

2 Gedanken zu „Corona: Ein unfreiwilliger großangelegter Feldversuch für New Work?

  1. sehr interessanter artikel zu dem thema. da bekommt man nochmal eine ganz andere ansicht auf das thema. An sich sehr interessanter blog. weiter so :)

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