„Fit fürs Studium?!“ – Nicht wirklich.

Studicheck ist das kostenlose Service-Portal der Hochschulen in NRW und bietet Studieninteressierten an, zu überprüfen, ob das vorhandene Schulwissen ausreichend für die Aufnahme eines Studiengangs ist. Die Idee finde ich erst einmal super, schließlich ist es wichtig zu wissen, worauf man sich einlässt, wenn man mit einem Studium beginnt. Doch interessiert mich sehr genau, wie die Umsetzung dieses Vorhabens gelungen ist.

Zunächst sucht man den gewünschten Studiengang, zu dem man seine „Checks“ machen möchte. Dazu kann man sowohl nach Hochschulen und Universitäten als auch nach Studienfeldern suchen und sich so zum gewünschten Studiengang vorarbeiten. Um die Checks für einen Studiengang durchzuführen, muss man ein Konto anlegen, und das geht wirklich schnell und unkompliziert. Hat man einen Studiengang ausgewählt, erhält man eine Auflistung aller Studichecks, die für den gewünschten Studiengang zu absolvieren sind. Da ich selbst Psychologie an der FU Hagen studiert habe, es damals aber noch keinen Studiencheck gab, entscheide ich mich für diesen.

Auf der Übersichtsseite stehen 11 Studienchecks für diesen Studiengang zur Auswahl, die mich schon vom Titel her ziemlich verblüffen. Denn vier sind eher sprachlicher Natur, die anderen sieben beinhalten Mathematik. Das erscheint mir nicht ganz angemessen, zum einen vermisse ich Englisch, zum anderen sind mathematische Bereiche aufgelistet, mit denen ich in meinem Studium an der FUH noch nie etwas zu tun hatte. Auf der Homepage des Studiengangs erfahre ich, dass die Bearbeitung des Studichecks verpflichtend für eine Bewerbung, das Ergebnis ist allerdings nicht relevant.

Die einzelnen Studichecks sind sehr vielseitig gestaltet. Es gibt viele verschiedene Aufgabenformate (Single Choice, Multiple Choice, Lückentexte, Textaufgaben), die Bedienung ist leicht verständlich und funktioniert technisch einwandfrei. Gelegentlich erschließt sich mir eine Aufgabe nur, nachdem ich in den Drop-down-Menüs herumklickt und mir die möglichen Antwortoptionen angesehen habe. Insgesamt empfinde ich die Aufgaben eher als sehr herausfordernd.

Beim Check zum wissenschaftlichen Arbeiten empfinde ich viele der Aufgaben als schwer und unpassend für das Psychologiestudium. Zwar ist das Thema sehr relevant für das Fach Psychologie, keine Frage, allerdings passt es aus meiner Sicht nicht so recht unter die Überschrift „Schulwissen“. Vielleicht standen diese Inhalte in meiner Heimat Hessen einfach nicht mit auf dem Lehrplan, schließlich ist Bildung ja Ländersache (…), jedenfalls kommt es mir eher vor wie ein kleines Vorstudium und auch mit Blick auf die weiteren Inhalte des Studichecks frage ich mich immer öfter, wann ich diese in meiner Schulzeit gelernt haben soll. Ob ich wirklich schon alle vergessen habe?!

Nun interessieren mich die zahlreichen Mathematik-Checks. Statistik und auch Stochastik mögen zwar wichtige Grundpfeiler eines jeden Psychologie-Studiums sein, damit hat es sich meiner Meinung nach aber auch schon erledigt. Die erste Aufgabe jedenfalls hat mit mathematischen Funktionen zu tun, von denen ich in meinem Psychologie-Studium nie etwas gehört habe. Mit großer Skepsis versuche ich die Aufgaben zu lösen, aber das Ergebnis ist verheerend. Nach Beantwortung aller Aufgaben kann ich meine Ergebnisse „absenden“ und erhalte die Möglichkeit, einen Ergebnis-Report herunterzuladen. Das erscheint mir etwas unnötig kompliziert. Im Report erhalte ich eine Übersicht über die Richtigkeit meiner Antworten. Das war’s dann aber auch schon mit Feedback. Ich kann weder einsehen, welche Antworten ich gegeben habe, noch werden mir die richtigen Lösungen angezeigt. Der Lerneffekt ist also gleich 0, und damit genau das Gegenteil von dem, was ich in meinem Studium gelernt habe.

Die Checks zu jedem der Themenbereiche gelten immer für alle Studiengänge, das sehe ich, als ich einen weiteren Studiengang auswähle und die Checks, die ich bereits bearbeitet habe, als abgeschlossen angezeigt werden. Das ist insofern praktisch, als dass man die Checks nicht doppelt und dreifach bearbeiten muss, aber der Anforderungsbezug fehlt mir trotzdem, besonders bei der Mathematik, die ich im hier aufgeführten Umfang für total irrelevant halte.

Was passiert nun auf der Übersichtsseite? Hier wird mir mein Ergebnis nach der Ampellogik angezeigt und es gibt eine Empfehlung für den „Studikurs“ passend zum jeweiligen Check. Dieser ist tatsächlich ein kleines Vorstudium zur „Auffrischung des Schulwissens“. Zum Check „Argumentation“ wird mir der Studikurs als „nützlich“ empfohlen, obwohl mein Ergebnis grün markiert ist. Im Ergebnis-Report kann ich sehen, dass ich 5 Aufgaben richtig, 3, teilweise richtig und 2 falsch beantwortet habe. Beim Studicheck „Wissenschaftliches Arbeiten“ habe ich 6 richtige, 1 teilweise richtig und 3 falsche Aufgaben und die Bearbeitung des Studikurses wird mir dringend empfohlen. Die Wichtigkeit dieses Wissens schon zu Beginn des Studiums leuchtet mir nicht ein, am wissenschaftlichen Arbeiten scheitern Psychologiestudierende m.E. eher nicht. Die Grenzwerte für die Ergebnisrückmeldung und die Empfehlung zum Studikurs wird von den Studiengangsverantwortlichen individuell (also willkürlich?) festgelegt, lese ich in der Einleitung nach.

Ich werfe nur einen kurzen Blick in den Studikurs. Dieser besteht aus sehr viel Text mit grundlegenden Informationen. Zwischendurch kann man Übungen mit weiteren Aufgaben machen, zu denen man dann immerhin sofort eine Rückmeldung bekommt, sodass hier ein Lerneffekt eintreten kann.

Mein Fazit zum Studicheck:

  • Die Studichecks sind wirklich SEHR umfangreich. Einerseits finde ich das gut, schließlich bieten Sie damit ja durchaus die Möglichkeit, angehenden Studierenden einen Eindruck von relevanten Inhalten zu verschaffen und durch die Studikurse zusätzlich noch die Möglichkeit, ein kleines Vorstudium zu absolvieren. Diese sind nach meinem Geschmack allerdings viel zu trocken gestaltet. Sich auch umfangreiche Texte durchzulesen, mag eine Anforderung für ein Studium sein, viele Inhalte lassen sich auf diesem Wege allerdings schlicht und ergreifend nicht verständlich erklären.
  • Als Studienorientierung sind die Studichecks meiner Meinung nach gar nicht geeignet, vermutlich aber auch nicht als solche gedacht. Auf die konkreten Studieninhalte wird im Grunde genommen gar nicht eingegangen und Bezüge werden auch nicht hergestellt. Es kommt wir so vor, als sollten Studierende durch den Umfang, Schwierigkeitsgrad und die Auswahl der Aufgaben eher abgeschreckt (vielleicht auch wachgerüttelt) werden. Bei dem Andrang, den die FUH schon zu meinen Studienzeiten für den Psychologie-Studiengang zu bewältigen hatte, kann ich das sogar verstehen. Ich kann jedenfalls ganz gut mit meinen schlechten Mathematik-Kenntnissen leben, meinen Abschluss habe ich ja schon.
  • Eine realistische Einschätzung der „Fitness“ für den gewünschten Studiengang wird zwar versprochen, für den Studieninteressierten ist aber gar nicht überprüfbar, ob dies nun wirklich der Realität entspricht. Dazu sind die Aufgaben viel zu abstrakt, da der Anforderungsbezug fehlt. Wenn ich die Mathe-Aufgaben pauke, um mich dann fit fürs Psychologie-Studium zu fühlen, komme ich mir im Nachhinein doch eher veräppelt vor, wenn ich merke, dass ich den ganzen Krams gar nicht brauche.
  • Für viele Studiengänge mag eine abschreckende Wirkung der Studichecks höchst unerwünscht sein. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass diese nicht für alle Studiengänge in NRW verpflichtend sind.
  • Nicht zuletzt möchte ich auch nochmal betonen, dass durch die unzureichende Ergebnisrückmeldung ein falsches Signal gesetzt wird. Man wird auf seine Leistung reduziert, wie man es aus der Schule kennt, und dann damit abgestraft, die Studikurse zu bearbeiten.

Da kommt so richtig Lust auf, mit einem Studium zu beginnen, oder? – nicht wirklich.

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