Skills statt Zeugnisse. Produktive Realitätsverarbeitung als Zukunftskompetenz – ein Gastbeitrag von Prof. Klaus Hurrelmann

Nun ist die #HREdge26 ein paar Tage her und ich hatte erstens die Gelegenheit, einmal durchzuschnaufen und zweitens die Chance, die wahnsinnig vielen Eindrücke des Tages ein wenig Revue passieren zu lassen und für mich zu sortieren.

Glaubt mir, da wird über die nächsten Wochen sicherlich noch einiges folgen.

Ein absolutes Highlight des Events war die Eröffnungskeynote von Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann. Den unheimlich vielen Rückmeldungen und der immensen Nachberichterstattung auf LinkedIn zufolge war das auch nicht nur für mich so, sondern auch für die rund 160 ZuhörerInnen.

Da Klaus die Keynote in freier Rede und ohne Slides gehalten hat, habe ich ihn gefragt, ob er mir die zentralen Inhalte seines Vortrag in Form eines Gastartikels für den Recrutainment Blog zur Verfügung stellen mag.

Und zu meiner großen Freude mochte er!

Darum ist es mir eine Ehre, die Bühne hiermit an Klaus Hurrelmann abzutreten…

>> Skills statt Zeugnisse. Produktive Realitätsverarbeitung als Zukunftskompetenz – ein Gastbeitrag von Prof. Klaus Hurrelmann

These 1: Produktive Realitätsverarbeitung ist die zentrale Meta-Kompetenz in einer krisenhaften Arbeitswelt.

Berufsanfänger treten heute unter Bedingungen einer Krisengesellschaft in den Arbeitsmarkt ein: ökonomische Unsicherheit, digitale Beschleunigung, geopolitische Spannungen und die tiefgreifende Transformation durch künstliche Intelligenz prägen ihre Sozialisation. Klassische Indikatoren wie Abschlüsse und lineare Lebensläufe behalten zwar ihre Bedeutung, verlieren jedoch an Erklärungskraft für tatsächliche Handlungsfähigkeit.

An ihre Stelle tritt eine Kompetenz, die sich nicht direkt messen lässt, aber für das Gelingen von Lebens- und Erwerbsverläufen entscheidend ist: die Fähigkeit, mit Unsicherheit produktiv umzugehen.

Diese Fähigkeit lässt sich mit dem Modell der produktiven Realitätsverarbeitung anschaulich beschreiben:

Jeder Mensch steht von Beginn an in einem Spannungsfeld zweier Wirklichkeiten:

  • einer inneren Realität (körperliche Voraussetzungen, psychische Dispositionen, Bedürfnisse, Emotionen) und
  • einer äußeren Realität (soziale Erwartungen, Bildungsanforderungen, ökonomische Bedingungen, kulturelle Normen)

Entwicklung entsteht nicht automatisch, sondern dadurch, dass Menschen diese beiden Ebenen aktiv aufeinander beziehen und miteinander in Einklang zu bringen versuchen. Genau dieser Prozess ist „produktive Realitätsverarbeitung“.

Er verläuft nicht reibungslos, sondern ist von Spannungen geprägt. In jeder Lebensphase entstehen Entwicklungsaufgaben, die bewältigt werden müssen – etwa der Übergang in den Beruf, der Aufbau von Beziehungen oder die Gestaltung einer eigenen Lebensperspektive.

In stabilen Gesellschaften konnten diese Aufgaben relativ verlässlich gelöst werden. In der heutigen Krisengesellschaft hingegen verschärft sich die Situation:

Die äußere Realität wird unübersichtlich, widersprüchlich und instabil – und erhöht damit den Druck auf die individuelle Verarbeitung.

Kompetenz zeigt sich deshalb nicht mehr primär im verfügbaren Wissen, sondern in der Fähigkeit,

  • Unsicherheit auszuhalten,
  • Widersprüche zu integrieren,
  • Brüche zu verarbeiten und
  • dennoch handlungsfähig zu bleiben.

Produktive Realitätsverarbeitung bündelt genau diese Fähigkeiten. Sie integriert Resilienz, Reflexionsfähigkeit, Selbststeuerung, Adaptivität und Sinnorientierung zu einer Meta-Kompetenz, die darüber entscheidet, ob junge Menschen unter instabilen Bedingungen ihren Lebensweg aktiv gestalten können.

Damit wird sie zum zentralen Referenzrahmen – nicht nur für individuelle Entwicklung, sondern auch für moderne Kompetenzdiagnostik.

These 2: Die zentrale Herausforderung der jungen Generation liegt in einer massiv gestiegenen psychischen Verarbeitungsbelastung durch unsichere Lebensplanung.

Aus dieser Perspektive wird deutlich: Die Probleme der jungen Generation sind keine Leistungsdefizite, sondern Ausdruck einer strukturell überforderten Verarbeitungssituation.

Junge Menschen wachsen heute in einer Realität auf, die nicht nur komplex, sondern grundlegend unberechenbar geworden ist. Lebensplanung verliert ihre Verlässlichkeit.

Was früher als relativ stabil galt, ist heute offen:

  • berufliche Wege
  • Einkommensverläufe
  • Wohn- und Familienformen
  • gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Die Folge ist eine tiefgreifende Verunsicherung: Zukunft erscheint nicht mehr als planbarer Raum, sondern als unscharfer Möglichkeitsraum mit Risiken.

Diese Unsicherheit wirkt direkt auf die psychische Verfassung. Viele junge Menschen erleben:

  • ein dauerhaftes Gefühl der Vorläufigkeit
  • Schwierigkeiten, langfristige Entscheidungen zu treffen
  • Angst, sich „falsch“ festzulegen und
  • einen permanenten inneren Druck, alle Optionen offenhalten zu müssen

Damit verschiebt sich die Belastungsebene: Nicht die konkrete Aufgabe ist das Problem, sondern die Unsicherheit darüber, ob Entscheidungen überhaupt tragfähig sind.

Hinzu kommt die Gleichzeitigkeit mehrerer Krisen – Klimawandel, geopolitische Konflikte, wirtschaftliche Instabilität und Pandemiefolgen. Anders als in der klassischen Risikogesellschaft, wie sie Ulrich Beck beschrieben hat, handelt es sich nicht mehr um antizipierte Gefahren, sondern um real erlebte, miteinander verschränkte Krisen.

Diese Krisen erzeugen einen Zustand permanenter mentaler Alarmbereitschaft. Zukunft wird nicht mehr als Fortschritt, sondern häufig als Bedrohung wahrgenommen.

Gleichzeitig verstärkt die Individualisierung den Druck: Traditionelle Sicherheiten nehmen ab, während die Verantwortung für den eigenen Lebensweg vollständig individualisiert wird. Viele junge Menschen erleben sich damit als allein zuständig für die Bewältigung struktureller Unsicherheiten.

Die digitale Transformation intensiviert diese Dynamik zusätzlich: Sie erweitert Möglichkeiten, erhöht aber zugleich die Anforderungen an Selbstorganisation und Vergleichbarkeit.

Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung wie ein Katalysator beschleunigt. Sie hat Erfahrungen von Kontrollverlust verstärkt und das Vertrauen in stabile Rahmenbedingungen nachhaltig erschüttert.

Für HR wird damit ein zentraler Punkt sichtbar: Die junge Generation ist nicht weniger leistungsfähig – sie steht unter erheblich höheren psychischen Verarbeitungsanforderungen.

Die entscheidende Herausforderung liegt deshalb nicht in der Leistungsdiagnostik, sondern im Verständnis dieser Belastungsstruktur: Es geht nicht um ein Leistungsproblem, sondern um ein Verarbeitungsproblem unter Bedingungen unsicherer Lebensplanung.

These 3: Recruiting muss sich von der Wissensprüfung zur Analyse von Verarbeitungskompetenz verschieben.

Wenn produktive Realitätsverarbeitung zur Schlüsselkompetenz wird, muss sich auch Recruiting grundlegend verändern.

Im Zentrum steht nicht mehr die Frage nach vorhandenem Wissen, sondern nach dem Umgang mit offenen, widersprüchlichen Situationen. Entsprechend gewinnen Verfahren an Bedeutung, die genau dies sichtbar machen: Simulationen ambivalenter Entscheidungssituationen, biografische Interviews zu bewältigten Übergängen, reflexionsbasierte Formate und Gruppenprozesse.

Der Maßstab verschiebt sich damit grundlegend: Potenzial zeigt sich nicht im störungsfreien Lebenslauf, sondern im konstruktiven Umgang mit Unsicherheit, Brüchen und Ambivalenzen.

Recruiting wird so zur Diagnose von Entwicklungspotenzial unter realen Bedingungen.

These 4: Organisationen werden zu Lernräumen, in denen produktive Realitätsverarbeitung systematisch gestärkt wird.

Auf die veränderte Kompetenzanforderung folgt konsequent eine neue Rolle von Organisationen.

Unternehmen entwickeln sich zu Erfahrungsräumen, in denen Unsicherheit nicht reduziert, sondern bearbeitbar gemacht wird. Zentrale Elemente sind generationenübergreifendes Mentoring, strukturierte Reflexionsformate, eine gelebte Fehlerkultur und partizipative Arbeitsformen.

Besonders wirksam sind Generationendialoge: Sie verbinden Erfahrungswissen älterer Mitarbeitender mit den Perspektiven der Jüngeren und erhöhen so die organisationale Lernfähigkeit.

Produktive Realitätsverarbeitung wird damit nicht nur individuelle Fähigkeit, sondern kollektive Ressource.

These 5: Berufsorientierung muss sich von der Fixierung auf Berufe zur Entwicklung von Orientierungskompetenz verschieben.

Diese Logik setzt bereits im Bildungssystem an.

In einer Arbeitswelt ohne stabile Berufsbilder verliert die frühe Festlegung auf konkrete Tätigkeiten an Sinn. Stattdessen rückt die Fähigkeit in den Mittelpunkt, sich in wechselnden Kontexten zu orientieren und handlungsfähig zu bleiben.

Berufsorientierung wird damit zu einem Prozess der Kompetenzentwicklung:

Problemlösefähigkeit, Selbstorganisation, Kreativität und soziale Kompetenz bilden die Grundlage beruflicher Handlungsfähigkeit.

Praxisformate ermöglichen Erfahrung ohne Festlegung – sie eröffnen Optionen, statt sie einzuengen.

These 6: Der Übergang in den Beruf wird zu einem kooperativen Gestaltungsprozess zwischen Schule, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Übergang in den Beruf ist kein punktuelles Ereignis mehr, sondern ein längerer Prozess, der institutionell begleitet werden muss.

Schulen, Unternehmen und weitere Akteure bilden ein kooperatives Netzwerk, das Erfahrungsräume schafft und Orientierung ermöglicht.

Dabei gewinnen neue Erwartungen der jungen Generation an Bedeutung: Sinn, Gesundheit, Selbstverwirklichung und Beteiligung treten neben materielle Sicherheit.
Der Generationendialog wird zum zentralen Bindeglied zwischen Erfahrung und Innovation.

These 7: Die Schule der Zukunft wird zur Lern- und Entwicklungsagentur, die Leistung neu definiert.

Die tiefgreifendste Veränderung betrifft das Selbstverständnis von Schule.

Sie entwickelt sich von der Wissensvermittlerin zur Entwicklungsinstanz, die die individuelle Entfaltung in den Mittelpunkt stellt. Lehrkräfte werden zu Coaches, Reflexion und Selbststeuerung zu zentralen Lernzielen.

An die Stelle von Noten treten differenzierte Kompetenzprofile, die Entwicklung sichtbar machen.

Schule verliert damit ihre primäre Selektionsfunktion und gewinnt eine neue Aufgabe: Sie wird zum Ort, an dem junge Menschen lernen, mit einer unsicheren Realität produktiv umzugehen.

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Zur Person:

Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann wurde 1944 geboren. Er studierte in Münster, Berkeley und Freiburg. Er ist Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Bildung, Sozialisation und Gesundheit. Er wurde 1975 zum Professor an der Universität Essen ernannt und wechselte 1979 an die Universität Bielefeld.

Aus seiner internationalen Forschungsarbeit ergaben sich Gastprofessuren für Soziologie an der New York University (USA) und für Public Health an der University of California in Los Angeles (USA).

Seit 2009 arbeitet er als Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School – University of Governance in Berlin. 2018 erhielt er den Titel eines Ehrendoktors der PH Freiburg. Seit 2019 ist er Senior Expert am Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (fibs) in Berlin.

Hurrelmann hat, teilweise in Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen, zahlreiche Lehrbücher vorgelegt, darunter „Einführung in die Sozialisationstheorie“, „Lebensphase Jugend“, „Kindheit heute“ und „Gesundheits- und Medizinsoziologie“. Außerdem ist er Mitherausgeber umfassender Handbücher zur Sozialisationsforschung, zur Jugendforschung und zur Präventions- und Gesundheitsforschung. Mehrere dieser Publikationen sind auch in englischer Sprache erschienen. Ein Schwerpunkt aller seiner Arbeiten ist die Analyse sozialer und gesundheitlicher Ungleichheiten und die Unterstützung benachteiligter Kinder und Jugendlicher.

Von 1986 bis 1998 leitete er den Sonderforschungsbereich „Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft und baute das „Collaboration Centre for Child and Adolescent Health Promotion“ im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf. Er war von 1980 bis 1983 erster Dekan der Fakultät für Pädagogik und von 1994 an Gründungsdekan der ersten School of Public Health in Deutschland, der Fakultät für Gesundheitswissenschaften, beides an der Universität Bielefeld.

Hurrelmann leitete verschiedene Familien,- Kinder- und Jugendstudien, zuletzt zur Berufsorientierung von Jugendlichen und zum Finanzverhalten von jungen Erwachsenen. Er gehört seit 2002 dem Leitungsteam der Shell Jugendstudien an war Mitbegründer der World Vision Kinderstudien. Seit 2020 gibt er zusammen mit Simon Schnetzer die Trendstudien „Jugend in Deutschland“ heraus.

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Auch zu den anderen Inhalten der #HREdge26 – Vorträge, Podcast, Streitgespräch – folgen hier im Recrutainment Blog über die nächsten Wochen weitere Beiträge.

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