Wenn das Unternehmen sich per CV beim Kandidaten „bewirbt“…

Wenn man aktuell so „in den Markt horcht“, dann könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Unternehmen wieder mächtig Oberwasser haben. Nein, nicht falsch verstehen. Tolle Stimmung macht man aktuell nur an den wenigsten Stellen aus. Was ich meine ist, gegenüber Bewerbenden wieder am längeren Hebel zu sitzen…

Bis vor zwei-drei Jahren war der Tenor „wir bekommen keine Bewerber mehr, wir müssen jeden nehmen und alles mitmachen, was sie von uns wollen“. Jetzt beobachtet man wieder vielfach das Gegenteil: Bewerbungen gibt es reichlich, Selektion steht wieder über allem und das geht manchmal auch (leider wieder) mit der guten alten Gutsherrenmentalität einher: Bewerber ist Bittsteller.

Nun, die aktuelle konjunkturelle Situation einerseits und möglicherweise auch die Möglichkeit, menschliche Arbeitsleistung durch maschinelle zu ersetzen andererseits, haben sicherlich das Machtverhältnis wieder mehr in Richtung der Unternehmen verschoben. Aber wir dürfen nicht den Denkfehler machen, dass Unternehmen sich nicht mehr um Kandidaten bemühen müssen.

Erstens heißt „mehr Bewerbungen“ nicht automatisch auch „mehr Bewerbende“. Oftmals werden inzwischen einfach erheblich mehr Bewerbungen pro Person geschrieben – ist ja sehr viel einfacher geworden, KI lässt grüßen.

Zweitens werden „die guten“ und begehrten Bewerber auch nicht zwingend mehr. Im Gegenteil, die Demografie lügt nicht. Die Knappheit an „Humanressource“ (was für ein Wort…) wird unweigerlich größer. Diese ist aktuell konjunkturell bedingt etwas übertüncht und ganz so dick wie manche Untergangspropheten es androhen, wird auch nicht kommen – Ausgleichsentwicklungen technologischer Art oder durch höhere Erwerbsbeteiligung eigentlich in Rente befindlicher Menschen wird es natürlich geben – aber ziemlich sicher wird das Pendel der Verhandlungsmacht wieder in Richtung der Bewerberschaft schwingen.

Daher gefällt mir auch sehr gut, was mir heute in die Hände fiel!

Der zum Schweizer MIGROS-Konzern gehörende Kaffee- und Süßwaren- (vor allem Schokolade, wie die Bild unten lecker aufzeigen…)-hersteller delica bewirbt sich buchstäblich bei den Kandidaten. Und zwar per Lebenslauf, siehe Abbildung.

Das ist sehr schön aufbereitet und das Unternehmen zeigt hier buchstäblich seine Schokoladenseiten (Arbeitsbedingungen, Benefits, Weiterbildungen etc.), wie obenstehende Abbildung zeigt.

Was mir hierbei noch ein bisschen zu kurz kommt ist etwas, das spiegelbildlich oft auch bei den Lebensläufen fehlt, die Bewerbende und Kandidaten verfassen: Die konkrete Beschreibung der erforderlichen Skills. Klar, das müsste dann buchstäblich für jede Vakanz oder mindestens für jeden Tätigkeitsbereich individuell gemacht werden, wäre aber der logische Schritt hin zu einem wirklich guten gegenseitigen Kennenlernen und einem letztlich skillbasierten Passungsabgleich.

Von daher ist der Unternehmens-CV für mich ein sehr charmanter und wertschätzender Ansatz der Bewerber-Kommunikation. Die individuelle und „sprechende“ Beschreibung erforderlicher Skills wäre dann darüber hinaus ein wirklicher Schritt nach vorn in Richtung „Matching“.

Aber was nicht ist, kann ja noch werden!

4 Kommentare zu „Wenn das Unternehmen sich per CV beim Kandidaten „bewirbt“…

  1. Ich empfehle ein kleines Gedankenspiel – dieses Gedankenspiel ist übrigens genau so alt, wie eine Skill-Matrix (über 30 Jahre – also nix Neues, wie so oft im HR :-)) Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Wer gibt und wer nimmt die Arbeit? Was macht ein Arbeitgeber ohne Menschen? Wer macht den Umsatz? Kann der eine ohne den anderen?

  2. Puhh auch irgendwie altbacken oder? Die Idee hatten wir schon 2014 als Praktikanten im Employer Branding bei Infineon. Also wirklich neu und fresh ist das nicht. Das haben schon viele gemacht…

  3. Grundsätzlich nice, doch was mir hier fehlt, ist das ganze kulturelle Thema. Wie sieht die Zusammenarbeit aus, was kann erlebt werden? Für was steht das Unternehmen? Das kommt in diesem CV zu kurz.

  4. Wir beschäftigen viele ausländische Arbeitskräfte und haben das Recruiting dafür ausgelagert. Aber unser Kernteam im Büro soll wieder wachsen – und dafür finde ich die Idee eines Unternehmens-CVs richtig spannend. Danke, darauf wäre ich selbst nicht gekommen!

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