Warum ich nicht glaube, dass eine “One-Click-Bewerbung” wirklich zielführend ist…

Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels einerseits und der zunehmenden technischen Möglichkeiten insb. von Smartphones wird zunehmend propagiert, dass die Bewerbungsbarrieren immer noch zu hoch und weiter dramatisch gesenkt gehören. Stichwort: One-Click-Bewerbung. Also: Ich sehe eine Stelle, z.B. in einem Sozialen Netzwerk, und dann muss ich mich nicht mehr im herkömmlichen Sinne bewerben, sondern ich drücke buchstäblich den “Bewerben-Button”, gleichsam einem “Like” bei Facebook. Da meine Daten alle ja hinterlegt sind, habe ich damit meinen Teil der Aufgabe erledigt, jetzt ist der Recruiter dran. In Ansätzen finden sich solche Funktionalitäten ja bereits bei Linkedin oder im XING Talentmanager.

Hmm… Ich bin im Prinzip absolut der Meinung, dass man sich um ein knappes Gut auch mehr bemühen muss (ich habe ja auch mal Volkswirtschaft studiert) und insofern Unternehmen sehr gut beraten sind, ihre Bewerbungsprozesse “vom Kandidaten aus” und nicht von der eigenen IT aus zu denken. Das heißt auch: Sie möglichst einfach zu machen und keine überflüssigen Hürden einzubauen.

Aber: jegliche Ernsthaftigkeitshürde einzureißen – dabei bleibe ich auch – würde buchstäblich das Kinde mit dem Bade ausschütten. Wenn ich mich, gleichsam eines Facebook-Like-Buttons, einfach mal so weil lose interessiert auf jede kommunizierte oder latente Vakanz “bewerben” kann, führt das vor allem erstmal zu “Noise” beim rekrutierenden Unternehmen, nämlich einem enormen Sichtungs- und Administrationsaufwand. Die vielleicht wirklich interessanten “Signals” laufen dabei dann Gefahr, nicht mehr die gebotene Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ich habe ja bereits häufiger die These formuliert, dass sich als Leitbild für moderne Rekrutierungsprozesse durchaus die Anwendung einer “Beziehungsmetapher” eignet. Wenn man möchte, dass am langen Ende eine langfristig gut funktionierende Beziehung herauskommt, dann gilt für beide Seiten, sich möglichst authentisch zu zeigen (für einen One-Night-Stand ist das nicht erforderlich…;-) Das heißt aber auch für beide Seiten, sich möglichst gut kennenzulernen. Schiller sagte dazu: “Drum prüfe, wer sich ewig bindet… Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang…”

Wirft man mal einen Blick auf eines der erfolgreichsten Online-Geschäftsmodelle überhaupt, nämlich Partnerbörsen, dann kommen mir hinsichtlich der “One-Click-Philosophie” so meine Zweifel. Warum unterziehen sich wohl Menschen teilweise stundenlangen Persönlichkeitsfragebögen bei Parship, eDarling etc.? Weil sie auf der Suche nach einer funktionierenden und langfristigen Beziehung sind. Die schnelle Nummer gibt es woanders. Auch eine gute Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehung setzt ein gewisses Maß an Ernsthaftigkeit und vor allem Commitment voraus.

Dass wir also aufgrund des Fachkräftemangels zukünftig alle Ernsthaftigkeitsbarrieren einreißen müssen, sehe ich definitiv nicht. Oder anders: Wer nicht mal ansatzweise bereit ist, sich ein wenig Zeit zu nehmen, sich über ein Unternehmen zu informieren (und zwar aktiv) und ein wenig Zeit für eine Bewerbung zu investieren, wie ernst meint der es am Ende? Ein bisschen Selbstselektion gehört nämlich auch dazu. Und ich rede hier nicht von den kilometerlangen Folterformularen der Bewerbermanagement-Systeme erster Stunde… Eine “One-Click-Bewerbung mit Mini-Assessment” sollte es schon mindestens sein…

(Quelle Grafik: Wollmilchsau)

Autor: Jo Diercks

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Jo Diercks

Geschäftsführer bei CYQUEST GmbH
Ich bin Gründer und Geschäftsführer der CYQUEST GmbH und der Mi4 GmbH. CYQUEST beschäftigt sich mit dem Thema Recrutainment, also dem Einsatz spielerisch-simulativer Methoden im Online-Assessment, Employer Branding und Recruiting. Im Recrutainment Blog berichte ich regelmäßig hierüber. Mi4 ist als Unternehmensberatung auf Themen des Online-Marketings und eCommerce spezialisiert.

11 Gedanken zu „Warum ich nicht glaube, dass eine “One-Click-Bewerbung” wirklich zielführend ist…

  1. Gute Antworten auf die häufig gestellte Frage – als Personalerin teile ich die Meinung voll und ganz. Manche Dinge (wie die Wahl eines neuen Jobs) erfordern einfach etwas mehr Zeit und Mühe als einen einfachen “Click” – zu beidseitigem Nutzen.

  2. Hi Jo,

    vielen Dank für die Erwähnung. Auch wenn ich Deine Meinung und die bestätigenden Kommentare absolut nachvollziehen kann, entwickelt sich das Nutzer-Verhalten einfach in die andere Richtung, fürchte ich.

    Der Vergleich mit den Dating-Plattformen funktioniert meiner Meinung nicht wirklich. Zumal ich fest davon überzeugt bin, dass die eDarlings dieser Welt aufgrund ihres Geschäftsmodells Erfolg durch Komplexität suggerieren müssen, um sich von den kostenlosen und wesentlich einfacheren plentyoffishs, finyas, badoos abzugrenzen.

    Ich wage jedoch zu bezweifeln, dass sie im relativen und absoluten Vergleich tatsächlich erfolgreicher sind.

    Warum?! Ganz einfach: ein Großteil der Elite-Partners und der eDarlinngs hat sich mit Sicherheit schon mal auf Finya & Co. zumindest rumgetrieben. Klare Sache, ist kostenlos und “einfach”. Also, warum nicht mal probieren. Aber andersrum funktioniert dieses Prinzip nicht. Denn bis man bei Elite-Partner die Anmeldung durch hat, ist doch der Sommer schon längst durch :) Und Kohle kostet das auch noch.

    Einfachheit und Funktionalität werden auf kurz oder lang immer gewinnen. Ob es uns gefällt oder nicht. Was die Bewerbung und Assessments angeht soll man die Komplexität von mir aus in die automatische Selektion der eingehenden One-Click-Bewerbung anhand der semantischen Auswertung der Xing-Profil-Daten stecken. Das Interface (also das Bewerbungsformular) muss immer einfacher werden.

  3. Hi Jo,
    es lohnt sich, über das Thema nachzudenken und der Ausdruck “kilometerlange Folterformulare” in Deinem Beitrag gefällt mir sehr gut. :-)

    Persönlich glaube ich, dass es doch sehr wohl in naher Zukunft in die Richtung einer One- oder Two- oder Einige-Click-Bewerbung gehen kann, wenn sich der Bewerber in Zukunft eben tatsächlich eher wie ein umschwärmter und beliebter Kunde fühlen darf und nicht Bittsteller um einen raren Job ist.

    Das wird sicherlich nicht (und erst recht nicht immer und sofort) für alle Zielgruppen gelten, für die Stellen ausgeschrieben werden, aber für einige eben doch.

    Wenn ich zum Beispiel neue Bürostühle brauche, habe ich nichts dagegen, auf der Webseite eines Anbieters den Callback-Button anzuklicken, schließlich möchte ich ja ein Angebot. Aber ich werde es tunlichst vermeiden, auf jeder Seite, die ich mal besucht habe, jeder Firma zu signalisieren, dass ich gerne angerufen werden würde. Ich als potentieller Kunde entscheide, wer mich kontaktieren darf.

    Auch ein Bewerber will ja nicht von jeder Menge Anrufen oder Kontakten aus Unternehmen zugeschüttet werden, sondern nur von den für ihn interessanten Unternehmen.

    Ebenso wird er (zumindest ich würde das…) sich gut überlegen, wo er anklickt “Kontaktiere mich!”, da er ja damit sein hoffentlich gut gepflegtes Social-Media-Profil (in der Regel nicht nur das öffentliche Profil) mit einer Menge persönlicher Informationen über sich freigibt. Ich kann mir vorstellen, dass ein Kandidat sich diesen Schritt gut überlegt.

    Viele Grüße,
    Tania

  4. Hallo,
    das wird sich differenziert entwickeln. web-affine Unternehmen mit großem Fachkräftemangel (SEO’s, SMM’s etc) werden sicherlich eher in diese Richtung gehen, die große Masse an Unternehmen eher nicht. Daher meine Meinung: für die Nische wird es sich so entwickeln.
    Viele Grüße
    Thomas

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