Offline-Recrutainment bei RWE: Wie der Konzern Studenten beim “RWE Meet’n Speed” auf Herausforderungen im Bewerbungsprozess vorbereitet

So richtig eingeheizt wurde den Kandidaten bei der „RWE Meet ´n Speed“-Veranstaltung des Energiekonzerns am 22. November 2012 in Hamburg. Anders als bei typischen Speed-Dating-Veranstaltungen stand dieser Tag im Zeichen des Bewerbertrainings. Elf Studentinnen und Studenten wurde in Rekordgeschwindigkeit das Einmaleins der Bewerbung beigebracht. Ich durfte an dem Tag live dabei sein und den Bewerbungstipps der Profis lauschen. Natürlich habe ich auch direkt die Gunst der Stunde genutzt und Solveig Villnow, Referentin im Personalmarketing der RWE AG, um ein Interview für unseren Blog gebeten:

Hallo, Frau Villnow. Zunächst einmal vielen Dank, dass ich heute dabei sein darf, um über die spannende Veranstaltung zu berichten. Vorweg natürlich direkt die Frage, wieso diese Art der Bewerberansprache? Und vor allem, woher kommt der Name für die Veranstaltungsreihe?

Fast jeder Studierende kommt im Laufe seines Studiums oder danach in eine Bewerbungssituation. Eine ausgezeichnete Bewerbung erfordert jedoch auch eine ausgezeichnete Vorbereitung. Als Konzern möchten wir nicht nur Verantwortung für unsere Umwelt übernehmen, sondern auch für Talente und zukünftige Nachwuchskräfte. Daher ist es uns ein Anliegen, unser Wissen zu teilen und Bewerber fit für kommende Gespräche und Auswahlverfahren zu machen.

Der Name entstand durch Brainstorming in unserem Team. Wir wollten eine kurze, knackige Aussage liefern, die sich gut vermarkten lässt und in den Köpfen hängen bleibt. Der Speed-Charakter unseres kompakten Bewerbungstrainings sollte zusätzlich aufgegriffen werden. Dann entstand innerhalb von einer halben Stunde der Titel „RWE Meet `n Speed“.

Wen möchten Sie mit dieser Veranstaltung ansprechen?

Es ging uns darum, speziell Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaftler auf den RWE Konzern aufmerksam zu machen. Deshalb sind wir gezielt mit einer Vermarktungskampagne an die entsprechenden Universitäten gegangen. Über die Vorort-Produktion von Bewerbungsfotos, Tape Arts, Walking Minds oder klassische Promotion haben wir die Studenten direkt auf dem Campus angesprochen und für die RWE Meet´n Speed-Tour die Werbetrommel gerührt.

Wie konnten sich die Studierenden für diese Veranstaltung bewerben? Gab es eine offizielle Bewerbungsphase oder haben sie vor dem RWE Gebäude in Essen gecampt, um eins der begehrten „Tickets“ zu ergattern?

Anders als bei Tickets für Pink oder Robbie Williams gab es für unsere Tour eine offizielle Bewerbungsphase :-).  Über die RWE Bewerberakademie konnten sich Interessenten mit einem Motivationsschreiben und ihrem Lebenslauf direkt bewerben. Unter den zahlreichen Einsendungen haben wir dann die Teilnehmer für die einzelnen Veranstaltungen ausgewählt.

Was können Studenten tun, wenn sie die Tour verpasst haben?

Wer die Tour verpasst hat, kann sich ganz einfach online vorbereiten und Informationen erhalten. Seit Anfang des Jahres bieten wir die RWE Bewerberakademie auf der RWE Karriereseite an, die mit zahlreichen Tipps zu Assessment Center und Co aufwartet. Hier kann man sein ganz eigenes „Meet `n Speed“ erleben – inkl. der Analyse von Stärken und Schwächen oder sogar einer interaktiven Postkorb-Übung!

Haben Sie einen ganz persönlichen Tipp für Studentinnen und Studenten, die das erste Mal zu einem Vorstellungsgespräch oder einem Assessment Center eingeladen werden?

Proben Sie den Ernstfall vor dem Ernstfall. Sich über die Inhalte eines Bewerbungsgesprächs oder Assessment Centers erst dann Gedanken zu machen, wenn Sie für Ihren Traumjob antreten, ist meistens leider zu spät. Zudem sollten sich Bewerber Rat bei Kommilitonen oder Freunden holen. Diese können einem wertvolle Tipps zur eigenen Wirkung auf andere geben. Der Abgleich des Selbstbildes mit dem Fremdbild ist hier ein wichtiger Punkt. Denn: Man schaut sich ja leider nicht selbst zu …

Im Anschluss an das Interview mit Frau Villnow durfte ich mich unter die Teilnehmer mischen – zum Glück bin ich ja selber noch Studentin, sodass das gar nicht auffiel :-).

Also:

Die erste Station meines persönlichen Bewerbertrainings war die Selbstpräsentation und Selbstvermarktung. In einer Kurzpräsentation am Flipchart zeigte Andrea Dirkes, Kommunikationstrainerin von Karriereservice.de, den vier Teilnehmern pro Gruppe zunächst, worauf es bei einer Selbstpräsentation ankommt. Danach durften sich die Studenten anhand eines Gegenstandes und der frisch gelernten „Touch, Turn, Talk“-Methode selbst probieren.

Dabei konnte Jan Borchert aus Hamburg herausfinden, was es ausmacht, die Präsentation mit „Ich bin Jan Borchert“ statt „Mein Name ist Jan Borchert“ zu beginnen. Der Hobby-Imker aus Harburg konnte seine Leidenschaft für die Branche erfolgreich verdeutlichen: Schon seit seiner Kindheit fühlt er sich zur Energiebranche hingezogen, seitdem er das erste Mal die Windmühlen auf dem Weg nach Amrum bewundert hat.

Selbstpräsentation Jasmin Fischer

Frau Dirkes konnte den Teilnehmern und mir dabei besonders deutlich machen, dass gute Vorbereitung zwar die halbe Miete ist, der Sieg aber erst durch die persönliche Note in den zwei Minuten vor Ort erzielt wird.

Die Mustergliederung für eine gelungene Selbstpräsentation sieht demnach so aus:

  • Einleitung
  • Gliederung
  • Persönliche Vorstellung
  • Highlights im Werdegang
  • Qualifikationen + Ziele + Motivation
  • Fazit

Mein persönliches Resümee der ersten Station: „Ich bin Levke Mohr“ :-).

In der zweiten der drei Stationen bot sich dann eine Situation, die dem „echten“ Speed-Dating-Charakter schon näher kommt: In „Speed“-Interviewrunden saßen die Teilnehmer an den Einzeltischen der RWE-Mitarbeiter. Innerhalb von fünf Minuten wurde dann jeweils eine typische Interviewsituation geübt. Fragen wie „Was war Ihre bisher größte Herausforderung und wie haben Sie diese gemeistert?“ oder „Warum sollten wir gerade Sie einstellen?“ brachten die teilnehmenden Studenten ganz schön ins Schwitzen. Anschließend erhielten die Teilnehmer jeweils ein zweiminütiges individuelles Feedback von den Recruitern. Auch hier habe ich die Situation genutzt und  mit den RWE-Kollegen gesprochen.

Als erstes konnte ich mit Herrn Windhausen, Personalreferent bei der RWE Power AG in Essen, sprechen:

Herr Windhausen, warum ist es Ihnen wichtig, die Teilnehmer zu trainieren?

Man entdeckt immer wieder dieselben Fauxpas. Wir wollen den Teilnehmern zeigen, wie sie die Regeln der Bewerbung am besten anwenden. Zunächst einmal mein Tipp an potenzielle Bewerber: Überlegen Sie sich gut, ob die ausgeschriebene Stelle das ist, was Sie wirklich wollen. Passt die Stelle zu mir, kann ich mir vorstellen, die Aufgaben auszuüben? Und passt auch RWE zu mir? Ist diese Entscheidung getroffen, kann ich meinen Standpunkt in einem Bewerbungsgespräch sicherlich besser vertreten. Ich persönlich sehe diese Veranstaltung als Multiplikator. Wir bieten den Studentinnen und Studenten ein exklusives Training. Im besten Fall erzählen diese ihren Kommilitonen, wie es richtig geht und es profitieren letztendlich viele davon.

Mein zweiter Speed-Interviewpartner war Helbert Dühr, Recruiter bei der RWE Power AG in Köln. Herr Dühr ist unter anderem für die internationalen Entsendungen der Mitarbeiter bei RWE Power zuständig. Er hat mir die Möglichkeiten aufgezeigt, die man als „reiselustiger, junger Absolvent mit Englischkenntnissen“ hat. Das Speed-Interview mit Herrn Dühr war wirklich speedy. Wer gerne mehr zu Projekten im Ausland erfahren möchte, kann sich hier informieren. Vielen Dank, Herr Dühr, für diesen spannenden Einblick.

Im Anschluss konnte ich mich mit Herrn Hartung, Leiter Personalmarketing der RWE AG, und Frau Niehoff, Leiterin Personalentwicklung bei der RWE Dea, unterhalten.

Komischerweise bin ich hier zur Interviewten geworden :-). Nachdem ich mich kurz selbst vorgestellt hatte, fragten die beiden mich nach meinem Auslandsaufenthalt in Irland. Herr Hartung betonte, dass er es persönlich sehr schwierig findet, die Qualität der studentischen Auslandsaufenthalte richtig zu werten. Sind diese nur als Ergänzung des interkulturellen Erfahrungswissens zu bewerten oder wurden wichtige neue Studienerkenntnisse ergänzend erworben? Die tatsächliche Wertung von Noten und Studieninhalten fällt tatsächlich schwer. Eine wirklich herausfordernde Frage … Ich persönlich habe während meines Auslandsaufenthalts den Schwerpunkt nachgeholt, der an meiner Uni nicht angeboten wurde, weiß aber auch von vielen Kommilitoninnen und Kommilitonen, die die kulturelle Erfahrung in den Vordergrund gestellt haben. Die Notengebung habe ich ähnlich der Notengebung meiner Heimatuni empfunden. Nur die Multiple-Choice-Klausuren waren für mich eine große Umstellung.

Die Frage, die ich deswegen direkt zurückgegeben habe:

Ist ein Auslandsaufenthalt bei einer Bewerbung inzwischen ein „Must-have“?

Ein Auslandspraktikum während des Studiums oder ein bis zwei Semester an einer ausländischen Universität machen gerade bei Absolventen oft den Unterschied aus. Für eine Bewerbung bei RWE ist es jedoch kein prinzipielles Ausschlusskriterium, wenn ein Bewerber nicht im Ausland war.

Letzte Station im Anschluss an das „Speed“-Interview war der Workshop „Rollenspiel im Assessment Center“. Hier gab Christian Richter von Karriereservice.de den entsprechenden Input. Die Teilnehmer schlüpften hier in die Rolle des Einkäufers, des Mitarbeiters oder der Führungskraft.

Rollenspiel Jasmin Fischer und Christian Richter

In einem dreiminütigen Rollenspiel zeigte Christian Richter den Teilnehmern mit viel Witz und Charme die Tücken in einem Rollenspiel auf. Ganz klar: „Wer das Gespräch führt, gewinnt.“ Herr Richter machte deutlich, dass es in dieser Situation im Assessment Center ganz entscheidend ist, die Gesprächsführung bei sich zu behalten. Er zeigte den Teilnehmern unterschiedliche Möglichkeiten auf, mit einem Warm-Up ins Gespräch zu kommen, das Gespräch am Ende für sich abzuschließen und eine entsprechende Zielsetzung festzuhalten. Mein Resümee aus dieser Station: Meistens ist in einem Rollenspiel mehr als ein Konfliktpunkt versteckt. Gute Bewerber unterscheiden sich, indem sie dies erkennen.

Nachdem sich die Teilnehmer in den einzelnen Stationen selbst ausprobieren konnten, gab es im Anschluss noch einmal in der großen Runde die Möglichkeit, alle RWEler und die Trainer von Karriereservice.de mit Fragen zu löchern.

Das RWE-Team

Diese nutzten wiederum die Möglichkeit, den Teilnehmern ein gesammeltes Feedback zu den einzelnen Stationen zu geben. Es wurde auch noch einmal darauf hingewiesen, dass die Persönlichkeit entscheidet: „Wir wollen keine auswendig gelernten Phrasen – überzeugen Sie mit Ihrer Persönlichkeit. Wir suchen schließlich unsere zukünftigen Kollegen.“

Anschließend wurde zu einem Get-Together in die Pantry eingeladen. Bei leckerem Essen nutzten die Teilnehmer die Gelegenheit, noch einmal das individuelle Feedback mit den Mitarbeitern und Coaches zu besprechen bzw. direkt auf Einstiegspositionen des RWE Konzerns einzugehen.

Insgesamt ist die Reihe “RWE Meet `n Speed” meines Erachtens eine durchaus gelungene Variante des „Offline-Recrutainments“, die den Studenten in einem sehr exklusiven Rahmen die Möglichkeit gibt, die „Live-Situation“ mit den Experten zu üben und gleichzeitig wertvolle Kontakte zu knüpfen. Ich persönlich ziehe den Hut vor diesem hochkomplexen Event und würde mir wünschen, dass mehr Unternehmen so dicht an der Zielgruppe agieren. Der Bereich des Personalmarketings gewinnt ungemein durch Veranstaltungen dieser Art.

1 Gedanke zu „Offline-Recrutainment bei RWE: Wie der Konzern Studenten beim “RWE Meet’n Speed” auf Herausforderungen im Bewerbungsprozess vorbereitet

  1. Spannendes Format, da eine persönliche Interaktion und Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht wurde. Allerdings sehe ich noch einiges an Optimierungspotential. Meiner Ansicht nach war das Format ein aufgehübschtes Bewerbertraining.

    1. Der “Recrutainment-Teil” etwas zu kurz gekommen. Es gab kaum spielerische Elemente, soweit ich das herauslesen konnte und 2. wurde es verpasst neben HR-Mitarbeitern auch die Fachabteilungen zu integrieren. Erst dadurch kann man richtig bei Fachkräften punkten.

    Dennoch: Schön, dass sich auch Großunternehmen trauen im Recruiting etwas unkonventioneller zu agieren. Weiter so!

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