Der Lehrlingsball der Wirtschaftskammer Vorarlberg – oder wie eine Ausbildungsveranstaltung Kultstatus erreicht

Wir Personaler sind immer wieder gut beraten, den Blick auch mal über den Rand des eigenen Suppentellers zu erweitern. Das kann inhaltlich z.B. für alle, die sich mit Personalmarketing beschäftigen, heißen, sich auch mit den Trends im Produkt– oder Onlinemarketing zu beschäftigen. Das heißt aber für uns Deutsche auch, den Blick über die Landesgrenzen schweifen zu lassen, um zu schauen, was da so geht.

Und da findet man speziell bei unseren südlichen Nachbarn durchaus immer wieder Inspirierendes. Wer etwa die Einwürfe von unserem Schweizer Kollegen Jörg Buckmann kennt, wird wissen was ich meine…. Ein anderer exponierter Blogger zu Personalmarketing-/Employer Branding und (Aus-)Bildungs-Themen aus den Alpen ist Sebastian Manhart, der unter Personal-Marketing.biz bloggt und “im echten Leben” als Geschäftsführer der V.E.M., der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie in der Wirtschaftskammer Vorarlberg für die Unterstützung der Mitgliedsfirmen und gemeinsame Aktivitäten bei der Fachkräftesuche auf allen Qualifikationsniveaus zuständig ist.

Mit Sebastian habe ich ein Interview geführt und zwar zu dem wirklich bemerkenswerten “Lehrlingsball der Vorarlberger Industrie“. Was nämlich eher ein wenig bieder und “verordnet” klingt, hat sich in den letzten Jahren zu einem Mega-Event mit einigen Tausend (!) Teilnehmern und Kult-Status entwickelt. Grund genug, diesem “Recrutainment-Phänomen” einmal auf den Grund zu gehen. Also: Für die Länge des Interviews wird dann aus Azubi mal “Lehrling”, aus Abitur “Matura” und aus uns Personalern ganz ösi “Personalisten”… ;-)

Also Sebastian, wollen wir?

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Was vor fünf Jahren als Versuch gestartet wurde, hat sich mittlerweile als Kult-Event und größtes Ballereignis in Vorarlberg etabliert. Was versteckt sich hinter der Idee des „Lehrlingsballs“?

Die ursprüngliche Zielsetzung, an der sich nach wie vor nichts geändert hat, ist einen „Maturaball für Lehrlinge“ zu veranstalten. Die bis dorthin durchgeführte Freisprechfeier für unsere Lehrabsolventen war immer eine recht steife Veranstaltung, die eher internen Charakter hatte. Dieser Ball soll möglichst öffentlichkeitswirksam zeigen, dass die Lehre Karrieremöglichkeiten bietet, die denen einer Schullaufbahn um nichts nachstehen. Dass aus diesem Ball eine Kult-Party mit 4.000 Gästen wird, die letztes Jahr nach einem halben Tag ausverkauft war, war vor 5 Jahren nicht vorherzusehen…

Ihr habt als Motto „Ein Ball von, mit und für Lehrlinge“ ausgegeben. Was ist darunter zu verstehen?

Wir versuchen, möglichst alle Programmelemente des Balls mit Lehrlingen oder Ausbildern umzusetzen: Lehrlinge moderieren, es gibt eine klassische Polonaise mit Lehrlingen und eine Einlage mit Lehrlingen und Ausbildern. Zugekauft sind lediglich die Überraschungsshow zu Mitternacht, die DJs am Dancefloor und die Tanzmusik. Wir versuchen auch jedes Jahr, eine Lehrlingsband für einen Liveauftritt zu finden…

Die Lehrlinge der Vorarlberger Industrie stellen beim Ball unter Beweis, dass sie über wesentlich mehr Talente verfügen als rein fachliche… Zudem gibt der Ball einen würdigen Rahmen für die Ehrung unserer Absolventen: Wer seine Lehre mit Auszeichnung abschließt, wird auf der Bühne mit Feuerwerk und Prominenz geehrt.

In welche Dimensionen seid Ihr mit dem Ball vorgedrungen? So wie du das Programm beschrieben hast, muss der Aufwand muss doch erheblich sein?

Der Aufwand ist tatsächlich beträchtlich – organisatorisch wie auch finanziell. Wir stemmen ein trotz vieler Kartenverkäufe nicht ganz ausgeglichenes Budget jenseits der 100.000-Euro-Marke. Die Vorbereitungen beginnen jedes Jahr im Juni, ein Kernteam von fünf Personen rund um Ball-Chefin Havva Pacali ist in unterschiedlichem Ausmaß an den Vorbereitungen beteiligt. Ende November wird dann gefeiert. Umfangreiche PR-Kooperationen und die Präsenz im Netz sorgen für einen tollen Effekt in der öffentlichen Wahrnehmung.

Könnt Ihr der Veranstaltung eine konkrete Wirkung zuordnen?

Nachdem der Lehrlingsball nur der Kern einer Vielzahl an verschiedenen Aktivitäten zur Imageverbesserung der Lehre ist, können wir keine direkten Effekte – mit Ausnahme der breiten Präsenz in Printmedien und Fernsehen – herausrechnen. In jedem Jahrgang ist die Lehrlingsquote mit ca. 50% in Vorarlberg vergleichsweise sehr hoch. Das ist das Ergebnis vereinter Bemühungen der Landespolitik und vieler Unternehmen, die einzeln und gemeinsam höchste Anstrengungen unternehmen, um der Lehre einen ordentlichen Stellenwert zu verschaffen. Dennoch ist der Zug in den Schulbetrieb auch bei uns deutlich spürbar.

Welche Werbeaktivitäten setzt Ihr rund um den Lehrlingsball – vor allem im Internet?

Wir bedienen „klassische“ Kommunikationskanäle wie Medienkooperationen, Plakate, Flyer,… Daneben läuft sehr viel über die eigene Website (www.derlehrlingsball.at), vor allem aber über Facebook (https://www.facebook.com/lehrlingsball). Hier hat letztes Jahr die Community entschieden, welche Lehrlingsband einen Auftritt feiern darf. Heuer suchen wir eine Ballkönigin und einen Ballkönig – Casting und Voting via Facebook-App.

Momentan ist das Thema Recrutainment vor allem in Form von (webbasierten) Recruiting Games in der Presse (siehe SPIEGEL, Zeit etc.). Im Prinzip aber ist ja ein Offline-Event wie Euer Lehrlingsball auch letztlich eine Kombination aus dem “Karrierethema” Ausbildung und einer Riesenportion Entertainment, fällt also definitorisch auch unter diesen Begriff. Ist Recrutainment für dich auch der – oder sagen wir mal einer der – Schlüssel für die Nachwuchsgewinnung?

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass einerseits nur die Kombination on- und offline (egal in welcher Reihenfolge) genügend Überzeugungskraft hat: Also Aktivitäten, die nach einem persönlichen Kontakt des „Users“ dann online verlängert werden oder bei denen ein vorerst nur im Netz bestehender Kontakt dann irgendwann zu einer realen Begegnung führt. Sowohl on- als auch offline ist der Faktor Entertainment ein enorm wichtiger Attraktor – quasi als Türöffner, um nach der gewonnen Aufmerksamkeit Informationen zielgerichtet platzieren zu können. Wenn ich mich nicht vom Bauch zu etwas hingezogen fühle, beschäftigt sich mein Hirn gar nicht mit dem Thema. Unterhaltung im weitesten Sinn spricht eine emotionale Kontaktebene an, die bisher schon immer wichtiger war als die rein sachliche… und immer noch wichtiger wird. Berufs- oder Arbeitgeberwahl wird in den seltensten Fällen rational getroffen.

Sebastian, ich danke dir ganz herzlich für das Interview. Ich wünsche Euch noch ordentlich Energie bei den weiteren Vorbereitungen für den Ball und eine tolle Veranstaltung im November!

Wer sich übrigens einen Eindruck verschaffen will, wie es beim Ball so ausschaut, dem sei die umfangreiche Bildergalerie vergangener Events empfohlen: Klix du: http://www.derlehrlingsball.at/de/fotos/fotogalerie-lehre-am-ball-2011

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