Kein Märchen, sondern Fakt: Fachkräftemangel wächst. Gastbeitrag von Stephan Rathgeber über Kernergebnisse der ´Studie Fachkräftemangel´ der ManpowerGroup

Nicht erst seit Martin Gaedt´s vielbeachtetem Buch „Mythos Fachkräftemangel“ ist der Begriff wieder in aller Munde. Wozu aber Martin´s Gedanken definitiv beigetragen haben – Gott sei Dank -, ist das Thema Fachkräftemangel differenzierter zu betrachten. Statt also immer die vermeintlichen Gewissheiten wiederzublöken, sind wir alle gehalten uns zu fragen,

gibt es Fachkräftemangel, wenn ja, wo genau gibt es ihn und wo nicht, wie drückt er sich aus und vor allem, was kann man dagegen tun?

Denn, so interpretiere ich die zentrale These von Martin´s Buch: Auch er verneint nicht, dass die Gewinnung passenden Personal heute schwieriger als früher ist, als das Recruiting sich sinnbildlich nur nach unten beugen musste, um dann aus dem prallgefüllten Wäschekorb einen glücklichen Bewerber zu ziehen.

Was Martin aber absolut zurecht angeht (und das der gebotenen Dramatik des Themas entsprechend sehr beherzt!) ist, dass die vermeintliche Unvermeidbarkeit des Fachkräftemangels allzu oft als Ausrede dient, die Hände in den Schoß zu legen. Denn: wenn Personalgewinnung sich eben nicht mehr quasi von allein erledigt, dann muss man eben findig werden. Noch dazu ist es oftmals gar nicht so, dass nur die augeflipptesten und innovativsten Recruitingansätze eine Chance haben, vielmehr geht es in den meisten Fällen darum, zunächst einfach mal den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen und Bewerber insgesamt mit dem gebotenen Respekt und gebührend zu behandeln. Bei allem Hype um Candidate Experience heißt das in vielen Fällen erstmal so etwas basales wie Freundlichkeit, Verlässlichkeit und entgegengebrachte Wertschätzung.

Dies zur Einleitung.

Mir geht es hierbei immer auch darum, die Debatte um Fachkräftemangel zu versachlichen, zu entmystifizieren. Und dazu tragen Fakten nunmal oft mehr bei als Meinungen (im Übrigen einer der Gründe, warum Martin´s Buch auch so erfolgreich ist..).

Deshalb bin ich besonders happy, dass ich mit Stephan Rathgeber, seines Zeichens Marketingleiter der ManpowerGroup Deutschland und Mitautor des Manpower JOBlogs, einen Gastbeitrag mit exklusiven und in der Tat zum Teil überaus aufschlussreichen Einblicken in die Studie Fachkräftemangel vereinbaren konnte. Besonders spannend daran aus meiner Sicht: Die Studie nennt Zahlen, aber sie geht auch darauf ein, welche Maßnahmen die Unternehmen denn nun ergreifen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Oder eben auch nicht ergreifen (womit wir dann wieder bei Martin Gaedt´s zentraler Forderung wären…).

Also, Stephan, deine Bühne!

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Kein Märchen, sondern Fakt: Fachkräftemangel wächst

Seit die Berufswelt über das Thema Fachkräftemangel diskutiert, gibt es immer wieder Stimmen, die von Mythos oder bloßer Panikmache sprechen. Ob qualifizierte Bewerber tatsächlich fehlen oder die Recruiter nur nicht gründlich genug suchen, sei dahingestellt – dass in vielen Unternehmen offene Stellen zu lang unbesetzt bleiben, ist Fakt. Das belegt die Studie Fachkräftemangel, die die ManpowerGroup bereits seit 2006 jährlich weltweit durchführt. 2014 haben 37.000 Arbeitgeber daran teilgenommen, 1.000 davon in Deutschland.

Ergebnis: 40 Prozent der in der Bundesrepublik ansässigen Unternehmen haben derzeit Probleme, geeignete Kandidaten zu finden. Im Vergleich zum Vorjahr ist diese Quote um fünf Prozentpunkte gestiegen.

Japan hat die größten Nachwuchsprobleme, Deutschland und USA gleichauf

Weltweit sind 36 Prozent der von der ManpowerGroup befragten Arbeitgeber vom Fachkräftemangel betroffen. Die weltweite Quote ist nur leicht angestiegen. Deutschland liegt mit 40 Prozent also etwas über dem globalen Durchschnitt, gleichauf mit den USA. Die mit Abstand größten Schwierigkeiten haben Unternehmen in Japan: 81 Prozent finden nach eigenen Angaben keine passenden Mitarbeiter. Ein Grund dafür ist, dass sich die ehemals blühende Industrienation mit Einwanderung schwer tut, während der Nachwuchs ausbleibt und die Gesellschaft altert. Hinter Japan folgen in der Statistik Peru (67 Prozent) und Indien (64 Prozent) sowie Argentinien, Brasilien und die Türkei (alle mit 63 Prozent). Innerhalb Europas ist derzeit Ungarn am stärksten betroffen (45 Prozent).

Der Mangel an passenden Bewerbern hat weitreichende Folgen, wie die Studie ebenfalls offenbart: Fast zwei Drittel der betroffenen Unternehmen in Deutschland sagen, dass sie wegen der unbesetzten Stellen Schwierigkeiten haben, Kundenaufträge abzuarbeiten. 45 Prozent sehen bereits jetzt, dass sich dies negativ auf die Kundenzufriedenheit auswirkt. Jedes zweite Unternehmen, das mit dem Bewerbermangel kämpft, sieht dadurch außerdem seine Wettbewerbsfähigkeit gefährdet.

Auch die Motivation der bestehenden Mitarbeiter leidet

Mindestens ebenso beunruhigend: Wenn zu wenig qualifizierte Fachkräfte nachrücken, destabilisiert dies häufig auch das bestehende Team. 37 Prozent der betroffenen deutschen Arbeitgeber merken, dass dadurch die Arbeitsmoral der vorhandenen Belegschaft sinkt – nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Arbeit auf weniger Schultern verteilt werden muss als eigentlich geplant. Der erhöhte Druck auf das bestehende Team hat aber noch weitere Folgen: 33 Prozent sagen, dass dies zu einer erhöhten Fluktuation beiträgt. Mitarbeiter werden also unzufrieden und wandern ab, aber Ersatz ist schwierig zu finden. Der Fachkräftemangel setzt also – auch wenn das abgedroschen klingt – einen Teufelskreis in Gang.

Führungskräfte zählen zu den am häufigsten gesuchten Kandidaten

Das Problem der fehlenden Bewerber ist bekanntlich nicht in allen Branchen gleich ausgeprägt. Interessanterweise gibt es hier von Jahr zu Jahr immer wieder Verschiebungen. Unverändert am dringendsten gesucht werden in Deutschland derzeit Handwerker und Ingenieure. Auf Platz 3 der am schwierigsten zu besetzenden Positionen liegen 2014 aber schon die Führungskräfte. Sie lagen 2012 noch auf Rang 8 und waren im letzten Jahr komplett aus den Top Ten herausgefallen. Ebenfalls händeringend gesucht werden derzeit Fachkräfte in den Bereichen IT, Gastronomie, Verwaltung/Assistenz, Vertrieb, Medizin, Technik sowie Finanz- und Rechnungswesen. Bei letzteren hat sich die Lage im Vergleich zu 2013 leicht entspannt. In diesem Jahr ganz aus den Top Ten verschwunden, sind beispielsweise Mitarbeiter im Kundenservice und Support.

Welche Auswege gibt es für Arbeitgeber?

Gerade wenn es an passenden Kandidaten für Führungspositionen mangelt, können und sollten Arbeitgeber das Problem selbst aktiv angehen, indem sie ihren Fokus stärker auf die Personalentwicklung legen, etwa mit Coachings für Führungskräfte. In der Studie geben 19 Prozent der deutschen Unternehmen an, mit zusätzlichen Schulungen vorhandener Mitarbeiter auf den Fachkräftemangel zu reagieren. Die individuelle Karriereförderung trägt nicht nur dazu bei, Lücken in der Führungsriege zu vermeiden, sondern auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu erhöhen.

Darüber hinaus sind Unternehmen darauf angewiesen, sich neue Wege und Quellen im Recruiting zu eröffnen. So geben 16 Prozent der betroffenen Arbeitgeber in Deutschland an, alternative Beschäftigungsmodelle implementieren zu wollen. 13 Prozent möchten Kandidaten eine Chance geben, im Job in ihre Aufgabe hineinzuwachsen, auch wenn ihnen noch wichtige Qualifikationen fehlen.

Für die Jobsuchenden klingt es zunächst nach einer guten Nachricht, wenn Unternehmen eher zu wenig als zu viel Bewerber haben. Doch sind die Chancen für die Kandidaten je nach Branche und Region sehr unterschiedlich. Von Unternehmen wie Bewerbern ist viel Flexibilität gefragt, damit beide Seiten zueinander finden. In unserem JOBlog, der sich an Bewerber und Beschäftigte richtet, berichten wir daher ebenfalls regelmäßig über Trends und Studien zum Arbeitsmarkt und geben Tipps rund um die Themen Job, Karriere und Bewerbung.

Gastautor: Stephan Rathgeber

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Jo Diercks

Geschäftsführer bei CYQUEST GmbH
Ich bin Gründer und Geschäftsführer der CYQUEST GmbH und der Mi4 GmbH. CYQUEST beschäftigt sich mit dem Thema Recrutainment, also dem Einsatz spielerisch-simulativer Methoden im Online-Assessment, Employer Branding und Recruiting. Im Recrutainment Blog berichte ich regelmäßig hierüber. Mi4 ist als Unternehmensberatung auf Themen des Online-Marketings und eCommerce spezialisiert.

14 Gedanken zu „Kein Märchen, sondern Fakt: Fachkräftemangel wächst. Gastbeitrag von Stephan Rathgeber über Kernergebnisse der ´Studie Fachkräftemangel´ der ManpowerGroup

  1. Die Unternehmen sind faul und träge geworden. Minigehälter und maximale Anforderungen passen halt nicht zusammen.

  2. Man sollte nicht länger hinnehmen, dass es so lange dauert, eine Stelle zu besetzen, so in der Zwischenzeit Projekte und schließlich Umsätze nicht realisieren zu können – wir schlagen das Hybridmodell vor: Feste Mitarbeiter als Kernbelegschaft + Freelancer für zeitlich befristeten Einsatz auf Top-Niveau. Mehr Infos zu unserem neu erschienen Whitepaper über den Fachkräftemangel finden Sie „hier“

  3. Toller Artikel! Um dem demografisch bedingten Rückgang der Erwerbsbevölkerung entgegenzuwirken, sind mehrere Lösungsansätze denkbar: Der frühere Eintritt in das Erwerbsleben, der spätere Austritt aus der Erwerbsphase, eine Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit sowie der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften.“

  4. Doch, es ist ein MÄRCHEN ! Mir persönlich ist kein Realunternehmer bekannt, der sich über einen Fachkräftemangel beklagt, sondern nur die sogenannten Möchtegernunternehmer ! (und von denen haben wir ja mehr als wie wir brauchen)

    Ich habe über ein Jahr recherchiert, mir die Jahresberichte der Handwerkskammern durchgelesen, mir die berufsbezogenen Abschlußprüfungen der Industrie angesehen. (natürlich nicht bei allen 11900 registrierten Akrtiengesellschaften)
    Ich habe mir die Zahlen der bestandenen Fort-und Weiterbildungsprüfungen angesehen. Alle Prüfungsabnahmen belaufen sich auf den Jahrgang 2013 – 2014.
    Ich habe mit Unternehmungen und mit Großkonzernen telefoniert.
    Ich habe diverse Unternehmungen persönlich besucht und vor Ort mit den Leuten gesprochen. Nix mit Fachkräftemangel !

    Und das Ergebnis habe ich in dem neuen Buch veröffentlicht mit Quellenangabe.
    Titel: „Fachkrtäftemangel in Deutschland ? – Ein Lügenmärchen der Politik und der Wirtschaft !“
    Es drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass man das Volk mit dieser Aussage belügt um eine Zuwanderung zu rechtfertigen.
    Darüber hinaus stimme ich einem BWL-Prof. zu der gesagt hat, „Fachkräftemangel nein, aber Fachlohnmagel ja“.

  5. Den Firmen fehlen zunehmend Fachkräfte aus dem MINT-Bereich. Gesucht werden nicht nur Akademiker, sondern vor allem Meister und Techniker – obwohl die Branche mit guten Bedingungen und Löhnen lockt.

  6. Hallo Ulrike !
    Dann möchte ich mal von Ihnen wissen, wo denn die angeblichen Meister und Techniker gesucht werden. Was glauben Sie wie viel Leute mit Techniker bzw. Meisterabschluß auf der Strasse stehen ?
    Das Handwerk hat alleine im Jahr 2013 – 2014 über 100 tsd. berufsbezogene Abschlußprüfungen durchgeführt. Und wenn man sich mal die Industrie anguckt, dann geht das richtig los. Da hört man dann nur noch „6000“ , „8000“ , „3000“ Azubis usw usw. (immer bundesweit pro Aktiengesellschaft) So und 11900 registrierte Aktiengesellschaften haben wir in Deutschland ! Fachkräftemangel ! ?

    Komischer Weise haben sich etliche Leute mit Meisterabschluß oder Technikerabschluß beworben, aber nie mehr was von diesen Lackaffen (die sich Unternehmer nennen) gehört ! Ja, das sind dann die uns bekannten Möchtegernunternehmer !

    Der uns vogelogene Fachkräftemangel dient aller Wahrscheinlichkeut nach nur dazu, um eine Zuwanderung gegenüber dem Volk zu rechtfertigen. Das hat nichts mit Abneigung oder „Braun“ zu tun, sondern wird von vielen in der Gesellschaft ebenfalls so gesehen. Und eine verlogene Politik soll nicht so tun als wenn sie das nicht wüsste.

  7. Neuste Meldungen.
    Heute am 07.05.2015 lief im TV auf dem Sender „NTV“ unten im Ticker folgende Meldung.
    Siemens macht weiterhin 5000 Jobs platt.

    Anmerkung von mir, die Betroffenen brauchen sich ja keine Sorgen zu machen.
    Die werden ja alle in kürzester Zeit wieder einen neuen Job haben bei unserem „Fachkräftemangel“.

  8. Also ich finde, dass man seine Mitarbeiter als sehr wichtiges Gut ansehen sollte, damit sie nicht auf die Idee kommen zu wechseln.

    Ich selbst musste jetzt wechseln zu Zeitarbeit Ulm, weil mein noch Arbeitergeber es nicht eingesehen hat, sich etwas mehr Mühe zu geben …hier meine ich nicht unbedingt die finanzielle Seite, sonder die Menschenwürde Seite

  9. Ein Personaldienstleister gibt eine Studie zum Fachkräftemangel heraus….

    „Fachkräftemangel“ sollte zum Unwort des Jahrhunderts ernannt werden.

    Es gibt keinen Fachkräftemangel , das erkennt jeder ganz einfach schon am Prinzip von Angebot und Nachfrage :

    Viele offene Stellen und wenig Fachkräfte = Löhne und Konditionen müssten steigen.

    Wenn es tatsächlich so wäre , wären die ganzen Zeitarbeitsfirmen nur noch für ungelernte und Langzeitarbeitslose zuständig ,da die Unternehmen damit beschäftigt wären , sich mit Top-Arbeitsverträgen für neue Mitarbeiter zu überbieten.
    In den meisten Industrie- und Handwerksberufen werden aber 90-95% aller Stellen über Zeitarbeitsfirmen ausgerufen , private Job-Vermittler vermitteln an Zeitarbeitsfimen weiter etc. , weil sie garnicht wissen wohin mit den ganzen Bewerbern…..wo ist da der Fachkräftemangel ???

    ….und das es in bestimmten Berufen tatsächlich Nachwuchsmangel gibt
    (z.B. Altenpfleger , Handwerksberufe ) wundert doch bei den Konditionen und gleizeitig steigenden Lebenskosten niemanden.

    Da ist es schon extrem perfide , wenn man jetzt ausgerechnet Menschen die auf der Flucht vor Leid und Elend sind , jetzt hier in diese Jobs reinstecken und als billige Arbeitskräfte ausbeuten möchte.

  10. Mal meine Anmerkung zu der Sache von „Gast“.
    Also, ich gebe Dir Recht hinsichtlich „Fachkräfte aus dem Ausland ?“ Neee, brauchen wir wirklich nicht ! Das halte ich auch für ein Scheinargument, mit diesem man versucht unsere dummdeutsche Gesellschaft davon zu überzeugen, dass wir „Fachkräfte“ brauchen !

    Meine neue Publikation dazu ist bereits auf dem Markt. (siehe auch den Einspieler bei „YouTube“. (hier dann in der Suchmaske meinen vollständigen Namen eingeben)

    Du sprichst Personaldienstleister an. Gutes Stichwort. Und genau dort sitzen die sogenannten Personaldisponenten, die noch nicht einmal den Unterschied kennen zwischen einer „Vorschusszahlung“ und einer „Abschlagszahlung“. Und solche Leute geben eine Studie heraus ?! Das ist einer Sache für die „Muppet-Show“ !!!
    Mir müssen diese Leute nichts erklären oder versuchen zu erzählen ! Man hat mir meine technische Ausbildung (mit Abschluß), mein BWL-Studium (mit Abschluß) meine damalige Zugehörigkeit zum Prüfungsausschuss an der IHK – Osnabrück sowie meine Ausbildungsberechtigung gemäß Kammerprüfung auch nicht geschenkt. Dafür musste ich was tun, kenne daher die Praxis und weiß wovon ich rede. Im Gegensatz zu vielen anderen !!!

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