Spielerische Auswahl von Medizinstudenten am UKE in Hamburg

Seit der Veränderung der Hochschul-Rahmen-Gesetzgebung 2004, die den Hochschulen ein sehr viel stärkeres Mitspracherecht gegeben hat, wer bei Ihnen studieren darf und wer nicht, lässt sich dort im Zeitraffer eine Entwicklung beobachten, für die Unternehmen mehrere Jahrzehnte Zeit hatten:

1) Das Bestreben, eigene Marken heraus zu bilden. Was im Unternehmenskontext heute vielfach als Employer Branding bezeichnet wird, ist auch bei vielen Hochschulen unübersehbar – die Bildung von Bildungsmarken. Kaum eine Hochschule, die heute keine Marketingabteilung hat, kaum eine Hochschule, die nicht in Brandingdimensionen denkt wie “was macht uns besonders?”, “wie können wir ein einzigartiges Profil herausbilden?” und “wie können wir dieses Profil auch möglichst klar kommunizieren?” und kaum eine Bewerbermesse, auf der nicht zahlreiche Hochschulen um die Aufmerksamkeit von Schülern buhlen.

2) Individuelle Auswahlprozesse. Das Recht selber auswählen zu können, heisst eben lange noch nicht, dass damit auch eine gute Auswahl passiert. Jeder Jeck ist anders. Es geht nicht immer um die Besten (auch wenn das Gerede um Exzellenz dies oft suggeriert), es geht um die Bestpassenden. Das ist auch nicht anders als bei Unternehmen. Generell gilt: Nur wenn es eine möglichst hohe Passung des Studierenden zum individuellen Profil der Hochschule vorliegt, wird sich der Studienerfolg einstellen (Abbruchquoten sinken etc.).

War for Talent ist auch ein Problem für Hochschulen

Eines ist klar: “War for Talent” ist oder wird auch für Hochschulen ein Riesenthema. Die Hochschulen stehen nicht nur untereinander im Wettbewerb. Es gibt jede Menge Berufsakademien, natürlich das duale Ausbildungssystem und inzwischen Hunderte von dualen Studiengängen, bei denen die Studierenden von Unternehmen bezahlt werden. Vor diesem Hintergrund haben viele Hochschulen inzwischen sehr individuelle Wege eingeschlagen, sich einerseits im Markt darzustellen (z.B. über Online SelfAssessments wie die HAW Hamburg, die Hochschule Niederrhein oder die Uni Göttingen) und andererseits ihre Studierenden auszuwählen. Allerdings: Dies ist natürlich kein “einerseits – andererseits”, schließlich ist die Gestaltung des Auswahlprozesses natürlich selber ein Instrument der Darstellung und des Hochschul-Brandings (siehe hierzu auch den Artikel: “Warum der gesamte Auswahlprozess ansprechend gestaltet sein sollte“).

Besonders spannend ist der Auswahlprozess des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), oder konkreter: Der Medizinischen Fakultät der Uni Hamburg, schließlich geht es um Studierendenauswahl, nicht um die Auswahl von Mitarbeitern des Klinikums.

Neben der natürlich nach wie vor wichtigen Abiturnote und einer gewichteten Betrachtung von Schulwissen in naturwissenschaftlichen Fächern, werden in dem zweistufigen Verfahren auch Soziale Kompetenzen auswahlrelevant:

Zunächst werden ca. 900 Bewerber zu einem naturwissenschaftlichen Test eingeladen. Hierbei wird neben dem testinhaltlichen Wissen implizit auch Fleiß und die Bereitschaft, sich “auf den Hosenboden zu setzen und für den Test zu lernen” getestet. Die 100 besten Kandidaten haben einen Medizin-Studienplatz sicher. Die weiteren 200 besten werden dann zu einem insg. neun Stufen umfassenden Rundkurs eingeladen.

Und hier wird es spannend: Insg. ca. 100 Dozenten, 35 Schauspieler und 50 weitere Helfer wirken mit, wenn die eingeladenen Kandidaten sich in Rollenspielen bewähren müssen. Wie bringt man z.B. einer Patientin nach einem Unfall bei, dass sie nicht mehr wird laufen können, sondern den Rest des Lebens an den Rollstuhl gebunden sein wird? Wie geht man mit einem Patienten um, der nach eingehender Internet-Recherche vermeintlich alles über die eigene Krankheit weiss? 100 Rundkurs-Teilnehmer bekommen dann einen Studienplatz (die übrigen 169 Plätze werden weiterhin von ZVS – jetzt Stiftung für Hochschulzulassung – zentral vergeben).

Ziemlich hoher Aufwand. Aber: Auch kommunikative Fähigkeiten und der Umgang mit solchen Situationen sind entscheidend dafür, ob jemand ein guter Arzt wird oder nicht, neben allen kognitiven Fähigkeiten und dem sicherlich erforderlichen Fleiß. Bedenkt man die enorm hohen Kosten eines Medizinstudiums (als Daumenwert kann von knapp 30.000 € pro Jahr ausgegangen werden, was zu Gesamtkosten von etwa 180.000 € pro Absolvent führt, wohlgemerkt: Steuergeld…) und führt sich vor allem vor Augen, was es dann bedeutet, wenn jemand aufgrund solcher eher “überfachlichen” Aspekte sein Studium nach sagen wir mal 4 Semestern hinschmeißt, dann erscheint auf einmal der hohe Aufwand eines solchen Auswahlverfahren wie des UKE auch ökonomisch sinnvoll.

Mir gefällt natürlich der (rollen-)spielerische Ansatz sehr. Das meinen wir ja mit Recrutainment…

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