Fliplife: Spielerische Berufsorientierung, interessantes Personalmarketing-Tool oder einfach Spielkram?

Als ich die Nachricht vor einiger Zeit gelesen habe, bin ich natürlich hellhörig geworden: Die Plattform „Fliplife“ wirbt mit dem Claim „Starte deine Traum-Karriere und spiele zusammen mit deinen Freunden“. „Karriere“ und „spielen“ in einem Satz, das klingt doch sehr nach „Recrutainment“ und gehört deshalb natürlich einmal auf den Seziertisch im Recrutainment Blog.

Was ist Fliplife?

Ganz kurz: Fliplife ist ein Social Game nach dem Prinzip „Farmville“, nur dass es hier nicht um den Auf- und Ausbau eines Bauernhofs geht, sondern darum, in einem von verschiedenen Berufen Karriere zu machen. Klingt vielversprechend, weil man dahinter vermuten könnte, dass hier vielleicht Berufsorientierung, Social Gaming und Personalmarketing sinnvoll miteinander kombiniert werden. Doch der Reihe nach…

Auf der Startseite kann man sich entscheiden, ob man sich direkt bei Fliplife anmelden oder den Facebook Connect nutzen möchte. Ich habe mich für letzteres entschieden, muss allerdings sagen, dass mich die Connect-Abfrage, welche Daten aus meinem Facebook-Profil nun von der neuen App ausgelesen werden können, doch jedes Mal abschreckt. Insb. dann, wenn die App möglicherweise tatsächlich in einem Recruiting-Kontext steht, dürfte dies bei etwaigen zukünftigen Facebook-Apps auch ein absolutes „No-Go“ sein; schließlich scheinen viele Facebook-User ja schon Bedenken zu haben, auf den Like-Button einer Karriere-Fanpage zu drücken. Von möglichen Bedenken bzgl. des Beschäftigten-Datenschutzes ganz zu schweigen… Doch zum Thema Facebook-Karriere-Apps in Kürze mehr… Ich schweife ab…

Nach der Anmeldung kann man sich seinen eigenen Avatar zusammenbauen, d. h. seinem virtuellen Charakter ein individuelles Äußeres verpassen (Frisur, Bart, Kopfform etc.). Das erinnert stark an die „Mii-Konfiguration“ auf der Nintendo Wii-Konsole. Schick.

Danach kann man sich zunächst für einen von sechs „Berufen“ entscheiden, in dem man Karriere machen möchte: Arzt, Journalist, Koch, Bayer-Wissenschaftler (dazu später mehr), Gangster und Stilikone. Die letzteren beiden sind am Anfang allerdings noch geblockt. Die Berufsentscheidung kann man im späteren Spielverlauf auch wieder ändern.

Im neuen Job (ich habe mich mal entschieden, mein Hobby zum „Beruf“ zu machen und die Kochlaufbahn eingeschlagen) bekommt man dann Aufgaben übertragen. Entsprechend des jeweiligen „Experience Levels“ sind dies zunächst „niedere“ Tätigkeiten. Mit zunehmendem Level kommen dann „anspruchsvollere“ hinzu. Inwieweit diese „anspruchsvoller“ sind, auch dazu später mehr… Also, erstmal Geschirr spülen…

Die Verrichtung der jeweiligen Tätigkeit selber ist dann allerdings extrem unspektakulär. Es geht hierbei nicht darum, Aufgaben wirklich zu „lösen“ oder zu „bearbeiten“. Vielmehr besteht die „Aufgabe“ schlichtweg darin, auf den Button „Teilnehmen“ zu drücken und dann abzuwarten, bis ein gewisser Zeitrahmen abgelaufen ist. Von „Erlebnis“ oder gar „Realistic Job Preview“ keine Spur. Schade.

Durch das Absolvieren dieser Aufgaben steigen dann das „Experience Level“, der virtuelle Kontostand und die Zahl an Credits. Der individuelle Energiestand sinkt (also meine „Erschöpfung“ nimmt zu). Was bedeutet das? Vom Experience Level hängt mein jeweiliger Karrierefortschritt ab: Je höher, desto „anspruchsvoller“ die möglichen zu verrichtenden Tätigkeiten, wobei wie gesagt nichts wirklich „anspruchsvoller“ wird, außer dass man später manchmal einen zweiten Mitspieler zum Fertigstellen der Aufgabe braucht. Die „Bearbeitung“ einer Aufgabe besteht auch dann nur aus dem Drücken des „Teilnehmen“-Button plus Abwarten.

Mit dem virtuellen Geld und den Credits kann man im Shopping-Bereich einkaufen gehen und seinen Avatar „pimpen“.

Möchte ich allerdings Dinge kaufen, für die mein Guthaben an virtuellem Geld oder Credits nicht ausreicht, muss ich entweder fleißig weiterspielen oder ich gehe den Shortcut, bemühe meinen Paypal-Account und kaufe mir welche hinzu – das dann aber natürlich mit echten Euros. Leider scheint auch genau hierin der Hauptzweck von Fliplife zu liegen. Wie bei allen Social Games verdient der Betreiber natürlich am Verkauf dieser virtuellen Güter. Dagegen ist prinzipiell überhaupt nichts einzuwenden, wenn wenigstens der Rest etwas mehr Berufsorientierung bieten würde.

Neben den „beruflichen“ Tätigkeiten kann man auch unterschiedlichen Freizeitaktivitäten nachgehen. Man kann verschiedene Sportarten ausüben (um die eigene Energiekapazität zu erhöhen) oder Partys feiern (um Energie aufzufrischen). Ist ja klar: Arbeit kostet Energie, Partys feiern bringt welche… Zunächst steht einem dabei nichts anderes zur Auswahl als „Fußball“, wobei das „Fußballspielen“ dann nach dem ähnlichen Prinzip funktioniert wie der Lycos-Klassiker „Prügelpause“ (wer sich da noch dran erinnert…) als digitales Pendent zu „Schere-Stein-Papier“.

Zwischenfazit: Fliplife ist ganz nett und bietet die üblichen Features und Techniken anderer Massive Multiuser Browsergames inkl. Share-Möglichkeiten über Facebook und Twitter. Was es (leider) nach meinem Empfinden überhaupt nicht bietet, ist Berufsorientierung. Dabei würde die Möglichkeit, tatsächlich berufstypische Aspekte spielerisch erlebbar zu machen, doch ein enormes Potenzial bieten. Nun ja, Realistic Job Previews in Form von Serious Games zu bauen, ist allerdings auch nicht ganz trivial. Vielleicht können wir uns ja mal mit United Prototype zusammen setzen… ;-)

Aber vielleicht ist Fliplife ja aus Sicht des Personalmarketings eine interessante Plattform. Wie man oben hat sehen können, kann man auch Wissenschaftler werden und das nicht irgendwo, sondern bei Bayer.

Ich habe also gleich mal den Job gewechselt und die Ausbildung zum Koch gegen eine Karriere als Bayer-Wissenschaftler getauscht. Nach dem gleichen Prinzip wie oben beschrieben warten nun wieder Aufgaben auf mich, nur dass es keine Kartoffeln zu schälen, sondern z. B. kaputte Server zu finden, das Logistik-System zu modifizieren oder Präsentationen anzupassen gilt.

Nun, ob das dazu beiträgt, die Arbeitgebermarke Bayer inhaltlich besser aufzuladen, die Vielfalt der Bayer-Jobwelt zu zeigen und erlebbar zu machen oder in Bezug auf verschiedene Berufsbilder für mehr Klarheit zu sorgen, wage ich stark zu bezweifeln. Aber immerhin prangt natürlich das Logo über allem und allein die Tatsache, sich als „Arbeitgeber“ als In-Game Advertiser zu inszenieren, ist sicherlich als durchaus innovativ einzustufen.

Also: Wer hinter Fliplife spielerische Berufsorientierung mit viralem Potential vermutet (so wie ich), der wird tendenziell eher enttäuscht. Aber wer weiß, die Chance, „sinnvolle“ Aufgaben auf die Bühne zu stellen, besteht ja durchaus. Da ist noch Luft nach oben. Als Plattform für Personalmarketing kann Fliplife u. U. sinnvoll sein (und wenn es auch zunächst eher als PR-Thema ist). Allerdings müsste sich nach meinem Empfinden auch dazu am Charakter des Spiels noch eine ganze Menge in Richtung „Job und Karriere“ ändern, um auch als „job- und karriereaffines“ Umfeld durchzugehen.

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Jo Diercks

Geschäftsführer bei CYQUEST GmbH
Ich bin Gründer und Geschäftsführer der CYQUEST GmbH und der Mi4 GmbH. CYQUEST beschäftigt sich mit dem Thema Recrutainment, also dem Einsatz spielerisch-simulativer Methoden im Online-Assessment, Employer Branding und Recruiting. Im Recrutainment Blog berichte ich regelmäßig hierüber. Mi4 ist als Unternehmensberatung auf Themen des Online-Marketings und eCommerce spezialisiert.

14 Gedanken zu „Fliplife: Spielerische Berufsorientierung, interessantes Personalmarketing-Tool oder einfach Spielkram?

  1. Stimme dir zu und es ist ein erster Schritt. Selbst das System ist noch Beta. Aber das galt 1998 für das www mit Karriereseiten und 2008 für Facebook auch…. 

  2. Ich habe es gestern auch auf einem Twitter Stream gesehen und es mal angetestet. Ich sehe enorme Chancen und ein ganz neuen Ansatz User & Firmen in Kontakt zu bringen.

    Es ist auf jeden Fall eine neue Chance und ein gutes Thema für 2011. Das Thema Social Media ist ja auch nun langsam durch.

  3. Ja, die Bühne ist sensationell gut geeignet. Man könnte dort nun sehr gut „interaktive Übungen“ mit Unternehmens- / Berufsbezug draufstellen, also z.B. typische Tätigkeiten eines Chemielaboranten-Azubis am Standort Brunsbüttel oder ähnliches. Das bietet Insights, ohne allzu verkopft zu sein…

  4. Man stelle sich nur mal vor, man kann da echte arbeiten bald verrichten. Wie unglaublich wäre das denn?

    Soweit ich die Jungs von UP kenne, haben die das sicherlich vor.

  5. Halte ein derartiges Social Game auch für eine sehr spannende Plattform für das Employer Branding. Richtig interessant wird es aber erst, wenn wirklich mehrere Branchen, Unternehmen und Berufe integriert wären.

    Die Vision wäre eine Art Farmville, das näher an der Realität dran ist und deren Vielfalt abbildet. Und das alles auf Basis von Elementen wie Interaktion im Freundeskreis, immerzu greifbaren Erfolgen und Entwicklungen im Spiel.

    Vielleicht könnte mit einem solchen Spiel die Awareness für Arbeitgeber- und Berufswahl steigen und schon in Schule und Studium auf einem gewissen Level gehalten werden?!

    Ich finde jedenfalls, dass eine größere Vielfalt bei den vertretenen Unternehmen für mehr Glaubwürdigkeit und Tiefe sorgen würde und damit sowohl für die Spieler als auch die teilnehmenden Unternehmen von Interesse wäre.

    Beispiel / kurze Spinnerei:

    Ein Charakter startet bei einem Automobilzulieferer aus der Region des Spielers. Die alltäglichen Aufgaben beruhen auf einer Tätigkeit in der Produktion (z.B. in Form von Geschicklichkeitsspielen). Der Charakter entwickelt sich parallel dazu mit einer Art Quiz weiter und sammelt Erfahrung. So steigt er einen Bildungslevel auf und es tun sich Aufstiegsmöglichkeiten auf.

    Die Geschicklichkeitsspiele reizen nicht mehr so stark und der Charakter entwickelt sich auf Wunsch des Spielers zum Ingenieur. Nun gilt es etwa 1x pro Woche aus mehreren Konzepten eines zur Lösung einer Aufgabe auszuwählen. Mit der Zeit gibt es weitere Optionen, etwa den Wechsel zu einem Wettbewerber, einer Beratung oder in die Elternzeit…

  6. Die Idee ein Unternehmen in ein Social Game ist doch mehr als genial. Wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten daraus entstehen können. Die Bayer AG ist einen sehr innovativen Schritt gegangen.

    Ich kann mir vorstellen das man dann sowas wie clickworkers in ein Spiel integrieren könnte. Das würde auch viel mehr Spaß machen.

    Danke für die Anregungen. Ich habe viel gelernt und wünsche Fliplife alles Gute.

  7. Hallo Gunnar,

    so etwas ähnliches hatte ich mir darunter eigentlich auch vorgestellt bzw. erhofft. Man würde also die Dinge die wir machen (Realistic job Previews) kombinieren mit Viralität und vor allem „Stickyness“ über den Spielfaktor. So eine Art „Job-Sims“. Aber der Anfang ist gemacht…

  8. Ich habe nun bis Level 17 gespielt. Ich war nun 5 Tage bei Bayer AG virtuell arbeiten. Als ich gestern in der Apotheke war, habe ich tatsächlich Ausschau nach Produkten von Bayer gehalten. Also es wirkt :)

  9. Ironie on – Tolles Game für Alle, die sich gern verarschen lassen, die sich für heiße Luft echte Euros aus der Tasche ziehen lassen wollem – Ironie off
    Hab das Game richtig lang gespiel von März 2011 bin Januar 2012 – nicht nur eine Woche – die Entwickler produzieren eine Verschlimmbesserung nach der anderen, nach einem Update laufen Parties über Tage nicht mehr und das die einzige Methode seine Energie schneller zu regenerieren oder man bezahlt mit flips und die kosten Euros ;) – merkt ihr was????
    Das Sportsystem ist ein Witz xD da spielen level 2 gegen Level 70er gut die Level sagen nicht viel, ABER wie hoch der jeweilige Sport trainiert ist schon und der kostet fliplife cash und um so höher der level und umso leichter fällt einem das trainieren ;)
    Bei dem Spiel passt vieles nicht – nicht umsonst heißt das Spiel bei den Langzeitspielern Buglife ;)
    Beim letzen Update das UP mal wieder gegen einen Sturm der Entrüstung durchsetzen wollte, haben sie erst eingelenkt als sich die Spieler an Daimler gewendet haben ;D – also noch mal an Alle ein tolles Spiel für alle die sich von UP die echten Euros aus der Tasche ziehen lassen wollen und sich dabei gern noch wie Dreck behandeln lassen möchten – have fun

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