Online Self-Assessment zur Studienorientierung: Was ist eigentlich ein gutes ´OSA´?

Wir berichten an dieser Stelle ja auch immer wieder mal über Entwicklungen und neue Instrumente im Hochschulkontext, die sich um das große Thema „Studienorientierung“ drehen.

Hier kommen auch an immer mehr Hochschulen Online-SelfAssessments (Online-Studienwahl-Assistenten, Online-Studienorientierungen, etc. kurz OSAs) zum Einsatz, von deren Sorte wir ja auch schon einige „gebaut“ haben.

Doch was zeichnet ein solches OSA eigentlich aus? Und was sollte ein gutes OSA mitbringen?

Zunächst einmal dient ein Online-SELF-Assessment – ganz gemäß dem englischen Titel – in erster Linie dem Nutzer selbst. Das heißt, anfallende Ergebnisse haben keinen Einfluss auf eine etwaige spätere Bewerbung. Auf keinen Fall darf es sich um einen “versteckten Auswahltest” handeln.

Die Wahl für ein Studium und einen bestimmten Studiengang passiert in den meisten Fällen nicht von heute auf morgen, sie ist vielmehr ein Prozess. Entsprechend kann man mit einem OSA hier zu verschiedenen Zeitpunkten ansetzen – die eingesetzten OSAs unterscheiden sich folglich auch deutlich in ihrer Zielsetzung und Ausgestaltung.

Man kann hier grob unterscheiden zwischen solchen OSAs, die an einem frühen Punkt während des Orientierungsprozesses greifen und solchen, die eher zum Schluss, für die abschließende Entscheidung genutzt werden sollten.

OSAs als erste Orientierungshilfe

Für den ersten Fall bietet es sich an, Interessen in den Vordergrund zu stellen. Sobald man eine ungefähre Vorstellung über das eigene Interessenprofil hat, hilft dies den Blick in die richtige Richtung zu lenken.

Hier ist die Nutzung eines standardisierten Verfahrens wichtig! In diesem Zusammenhang ist das Interessenmodell von Holland weithin anerkannt. Im Idealfall findet nach dem Durchlaufen eines solchen Tests ein Matching auf dazu passende Studiengänge statt, sodass sich Studieninteressierte dann weitergehend informieren können. So etwas findet man z.B. auf www.was-studiere-ich.de mit anschließendem Matching auf Studiengänge in Baden-Württemberg, auf www.studifinder.de mit anschließendem Matching auf Studiengänge in NRW und inzwischen auch mit deutschlandweitem Matching im Studium-Interessentest von ZEIT online und HRK.

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Im nächsten Schritt den Blick schärfen

Wenn der Blick dann in eine bestimmte Richtung gelenkt wurde und sich das Interesse an einem bestimmten Studiengang erhärtet, macht es Sinn sich diesen genauer anzusehen und für sich zu überprüfen, ob man die entsprechenden fachspezifischen Voraussetzungen mitbringt.

Genau hier kann wieder ein OSA ansetzen und entsprechende Möglichkeiten zum Abgleich schaffen. Aber nur weil jemand die fachlichen Voraussetzungen für ein bestimmtes Studium erfüllt heißt das noch lange nicht, dass er/sie das Studium auch erfolgreich beenden wird.

Aus diesem Grund springen viele OSA, die rein eignungsdiagnostisch konzipiert sind, aus unserer Sicht auch zu kurz. Grundsätzlich für einen Studiengang geeignet zu sein (etwa, weil man die nötigen Mathekenntnisse für ein Maschinenbaustudium hat…), heißt nämlich noch lange nicht, dass dieser Studiengang auch zu einem passt!

Studien zum Studienabbruch zeigen auf, dass es neben der Eignung und dem Vorhandensein von Kompetenzen viele weitere Kriterien gibt, die für Studienerfolg eine Rolle spielen:

18% der Studienabbrecher geben z.B. „mangelnde Studienmotivation“ als ausschlaggebenden Grund für ihren Abbruch an. Dazu gehören falsche Erwartungen in Bezug auf das Studium, Desinteresse an möglichen Berufen, nachgelassenes Interesse am Fach und schlechte Arbeitsmarktchancen. Darüber hinaus nennen 19% der Studienabbrecher finanzielle Probleme als ausschlaggebenden Abbruchgrund (Heublein et. al, 2010, S. 26 u. 30).

Umfassende Informationen vor einer Bewerbung zu diesen Themen können also nur förderlich in Bezug auf eine fundierte Studienentscheidung sein.

Möchte man dann erreichen, dass diese Informationen von der Zielgruppe auch entsprechend genutzt werden, ist es entscheidend diese auch ansprechend und kurzweilig aufzubereiten.

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Idealerweise werden diese Informationen nicht einfach als Fließtext präsentiert, sondern es kommen Studierende und Absolventen durch Audio- oder Videoelemente zu Wort, werden Ausschnitte aus Vorlesungen gezeigt, Informationen in interaktiven Übersichtsgrafiken aufbereitet etc.

Wenn es um die Frage geht, worauf Studieninteressierte bei der Wahl ihres Studiums achten, stehen Intrinsische Motive im Vordergrund (Auswahl nach eigenen Neigungen und Begabungen). Aber auch extrinsische Motive (Berufs- und Verdienstmöglichkeiten) spielen eine große Rolle. In Bezug auf die Wahl der eigentlichen Hochschule spielt z.B. auch die Atmosphäre am Hochschulort eine große Rolle (Willich et. al, 2011, S. 151 u. 204).Gutes_OSA_Berufswelt_HN_CHS

Insgesamt bietet es sich an, all diese Aspekte in ein OSA einfließen zu lassen und entsprechend eine Mischung aus informierenden, aufklärenden und Selbsttest-Elementen anzubieten, mit denen Studieninteressierte die eigenen Vorkenntnisse überprüfen und studientypische Aufgaben kennenlernen können.

Kurz: Es geht beim Online-SelfAssessment zur Studienorientierung vor allem um Realistic Study Preview (in Anlehnung an das betriebswirtschaftliche Konzept Realistic Job Preview)!

Selbsttest-Elemente stellen natürlich, wie der Name schon sagt, das Kernstück eines Online-SelfAssessments dar. Sie ermöglichen es Studieninteressierten idealerweise, sich selbst auszuprobieren und einmal ganz konkrete Fragestellungen zu bearbeiten, die ihnen auch im jeweiligen Studium begegnen könnten.

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Das bietet Anlass zur Reflexion: Kann ich das? Und noch viel wichtiger: Macht mir das Spaß?

Denn auch wenn man gute Vorkenntnisse in bestimmten Bereichen hat, und ggf. in (zurzeit noch eher raren) Untersuchungen die prognostische Validität dieser Bereiche für die Studienleistung gezeigt wurde, kann es trotzdem durchaus sein, dass einen die Inhalte des Studiums doch nicht so sehr interessieren und man seine Karriere nicht darauf aufbauen möchte. Wichtig ist eben nicht nur das Können, sondern auch das Wollen!

Dafür können studienspezifische Selbsttest-Aufgaben einen guten Reflexionsanlass bieten.

Dass ein so skizziertes Vorgehen auch bei den Studieninteressierten ankommt, haben wir z.B. in einer groß angelegten Evaluation des HAW-Studienwahl-Navigators untersucht.

Hier wurden die Daten von insgesamt 44.935 Nutzern berücksichtigt. Die vollständige Untersuchung ist 2013 in der Zeitschrift für Wirtschaftspsychologie erschienen.

Herzstück des Orientierungsangebots der HAW sind insgesamt 21 studiengangspezifische „HAW-Navigatoren“. Diese vermitteln fachliche Inhalte, berufliche Aussichten, Studienbedingungen, Studienanforderungen und persönliche Voraussetzungen für den jeweiligen Studiengang. Dazu gibt es Informationsangebote zu grundlegenden Studienwahlthemen und auch einen Interessentest für den Beginn der Orientierung.

Durchschnittlich vergaben die 44.935 in der Evaluation berücksichtigten Nutzer für das gesamte Studienorientierungs-Angebot die Schulnote 2,02 („gut“), wobei 78,9% der Befragten das Angebot entweder als „gut“ oder „sehr gut“ bewerteten.

Der Aussage „Das virtuelle Studienorientierungs-Angebot hat mir bei der Studienentscheidung geholfen“ stimmten 77,8% der Nutzer teilweise bis absolut zu (Abbildung 2).

Abbildung 1 „Das virtuelle Studienorientierungs-Angebot hat mir bei der Studienentscheidung geholfen“
Abbildung 2 „Das virtuelle Studienorientierungs-Angebot hat mir bei der Studienentscheidung geholfen“

Auch zur Informationsvermittlung scheint der HAW-Studienwahl-Navigator gut geeignet zu sein: Die Aussage „Das virtuelle Studienorientierungs-Angebot hat meine Fragen in Bezug auf das Studium geklärt“ erfuhr von 95,6% der Nutzer teilweise bis absolute Zustimmung (Abbildung 3).

Abbildung 2 „Das virtuelle Studienorientierungs-Angebot hat meine Fragen in Bezug auf das Studium geklärt“
Abbildung 3 „Das virtuelle Studienorientierungs-Angebot hat meine Fragen in Bezug auf das Studium geklärt“

Weiterhin waren sich nach dem Durchlaufen des Navigators 76,5% der Befragten „sicher“ oder „absolut sicher“, das jeweilige Fach an der HAW Hamburg studieren zu wollen (Abbildung 4).

Abbildung 3 "Wie sicher sind Sie, 'das Fach' an der HAW Hamburg studieren zu wollen?"
Abbildung 4 “Wie sicher sind Sie, ‘das Fach’ an der HAW Hamburg studieren zu wollen?”

Unsere Evaluationsdaten des HAW-Studienwahl-Navigators legen durchaus nahe, dass es sich dabei um mehr als nur einen „Kommunikationsanlass“ handelt. In den Worten eines Nutzers:

Er vermittelt sehr genau, was auf die Bewerber im Studium zukommt und man zwingt sich bei der Arbeit mit dem Navigator dazu, seinen Studienwunsch genau zu überdenken, und beantwortet viele Fragen, die man ansonsten den Fachkräften im Studierendensekretariat stellen würde.

Ein gutes OSA erleichtert entsprechend der Zentralen Studienberatung einer Hochschule auch die Arbeit, indem grundlegende Fragen schon im Vorwege geklärt werden und die Zeit für echte Beratung genutzt werden kann.

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