Generation Praktikum: Was Praktikanten über den Mindestlohn denken – aktuelle Studie hat sie befragt

Das Thema begegnet einem momentan ja überall – spätestens wenn es auf den Fortschritt der Berliner Koalitionsverhandlungen zu sprechen kommt: der Mindestlohn.

Sicher, bei dem Ringen um einen gesetzlichen oder doch lieber tarifparteilich ausgehandelten, regional anpassbaren oder doch flächendeckenden Mindestlohn hat man sicher nicht primär Praktikanten im Blick. Führt man sich jedoch vor Augen, dass für die Generation Praktikum eben jenes Praktikum mittlerweile oft mehr ist als eine Orientierung, sondern (leider) oft der nicht enden wollende ewige Berufseinstieg, bekommt auch hier das Thema „faire Vergütung“ einen ganz anderen Twist.

Generation_Praktikum

Ich empfehle an dieser Stelle den durchaus zum Nachdenken anregenden Rant „Generation Praktikum: Ihr habt es ja so gut“ der Berliner Netzaktivistin und Noch-Piratenpartei-Geschäftsführerin „Kattascha“ Katharina Nocun. (Anmerkung: Bezeichnenderweise wird sie nicht erneut für das Amt kandidieren, weil sie den Job ohne Bezahlung auch nicht mehr machen will… Passt ganz gut zum Thema…).

Zur aktuellen Befindlichkeit der Praktikanten (also nicht der Generation im eher soziologischen Sinne, sondern ganz praktisch betriebswirtschaftlich) hat die Berliner Jobbörse ABSOLVENTA nun auf dem Portal Jobnet (für das ich auch schreibe) die Ergebnisse des Praktikantenreports, einer Befragung von mehr als 800 Praktikanten, vorgestellt.

Und ja: Auch hier das Topthema Mindestlohn.

Acht von 10 Praktikanten würden den Mindestlohn auch hier begrüßen. Bei der Frage, was das dann konkret so „im Monat“ denn bedeuten würde, relativiert sich das Ganze dann schon wieder. Das Gros (nämlich 72%) würde eine angemessene Praktikantenvergütung zwischen 400 und 800 Euro im Monat verorten.

Hier habe ich ein wenig nachgerechnet. 8,50 Euro pro Stunde kann also nicht gemeint sein, wenn von Mindestlohn die Rede ist. Bei einem 8 Stunden-Vollzeit-Praktikum käme man dann doch eher bei etwa 1400 Euro Monatsverdienst raus.

Was heißt das?

Nun, Praktikanten wollen sich schlicht nicht ausgebeutet fühlen. Sie wollen entlohnt werden und das nach Möglichkeit auch ein klein bisschen mehr als nur symbolisch. Bei einem Verdienstwunsch zwischen 400 und 800 Euro kann jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass Praktikanten erwarten, von ihrer Vergütung wirklich „leben“ zu können. Für mich bringt dies zum Ausdruck, dass die Praktikanten – zumindest die hier befragten – unter „Praktikum“ das verstehen, was ein Praktikum eigentlich auch sein sollte: Eine praktische Erfahrung im Rahmen der Lern-, Ausbildungs- und Orientierungsphase. Und zwar eine zeitlich begrenzte Erfahrung…

Ich würde zwar durchaus noch für angemessen und ethisch durchaus vertretbar ansehen, dass diese Phase auch einen begrenzten Zeitraum nach Abschluss eines Studiums oder einer Ausbildung umfassen kann und darf. Ich selber habe nach meinem Examen als erste Berufsstation ein (Auslands-)Praktikum absolviert, ganz bewusst als Findungsphase. Dabei wurde ich auch nicht dolle (aber eben dem Zweck entsprechend angemessen) bezahlt, aber es hat mir sehr geholfen, den Weg vor mir etwas klarer zu sehen. Ein Dauerzustand – von einem unbezahlten ins nächste schlechtbezahlte wieder weiter ins nächste unbezahlte Praktikum – darf so etwas nicht werden.

Nun, ich hoffe und glaube allerdings, dass die reine Arithmetik des Arbeitsmarkts an dieser Stelle die eine oder andere Fehlentwicklung der letzten Jahre schon wieder etwas zurechtrücken wird. Stichwort: TRM oder ein bisschen platter: VWL I: Knappe Güter steigen im Preis…

Doch zurück zum Praktikantenspiegel von ABSOLVENTA. Die Kollegen haben die Ergebnisse ihrer Befragung in einer hübschen Infografik zusammengefasst und die möchte ich meinen Lesern nun natürlich auch nicht vorenthalten. Also liebe Unternehmen, geht fair mit Euren Praktis um, sie werden es Euch danken…

Autor: Jo Diercks

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Jo Diercks

Geschäftsführer bei CYQUEST GmbH
Ich bin Gründer und Geschäftsführer der CYQUEST GmbH und der Mi4 GmbH. CYQUEST beschäftigt sich mit dem Thema Recrutainment, also dem Einsatz spielerisch-simulativer Methoden im Online-Assessment, Employer Branding und Recruiting. Im Recrutainment Blog berichte ich regelmäßig hierüber. Mi4 ist als Unternehmensberatung auf Themen des Online-Marketings und eCommerce spezialisiert.

5 Gedanken zu „Generation Praktikum: Was Praktikanten über den Mindestlohn denken – aktuelle Studie hat sie befragt

  1. Spitz gefragt – warum soll für einen Praktikanten zwingend etwas anderes gelten als für einen Aushilfsjob, oder einen Studenten. Jeder, der eine Arbeit verrichtet, hat auch ein Anrecht auf Entlohnung.

    Unbezahltes Praktikum gerne – genau wie bei allen anderen Jobs werden für 1-4 Wochen die Leistungen vom Amt bezahlt – danach wird der Arbeitgeber in die Pflicht genommen, wenn er den Praktikanten weiterhin behalten möchte.

    Jede Ausnahme einer Regel öffnet immer das Tor zum Mißbrauch. Daher gibt es eigentlich keinen Grund Praktikanten, Erntehelfer oder andere Tätigkeiten davon auszunehmen. Mehr als die Arbeitskraft und Leistungswillen können oben genannte nicht zur Verfügung stellen und da gehört es sich dieses auch so zu honorieren, dass der andere nicht auf Hilfe der Allgemeinheit angewiesen ist.

  2. Das Praktikanten richtig entlohnt werden sollten steht für mich außer frage. Natürlich sollte jeder, der längere Zeit in einem Unternehmen tätig ist Lohn dafür erhalten. Allerdings sollte man bei der Sache auch nicht die Azubis außer acht lassen. Viele verdienen zum Teil sogar nur unter 400€ und das bei einem Vollzeit Job meist drei Jahre lang und hier sieht man nur selten Fahrtkosten Erstattungen oder ähnliches. Von daher müsste allgemein von einem „Mindestlohn“ in Bereich der Ausbildung gesprochen werden. Sowohl bei Praktikas, als auch in der Ausbildung.

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