Video-Storytelling zur Berufsorientierung – das Beispiel “whatchado”

Auch wenn es mir terminlich eigentlich gar nicht in die Woche passte, konnte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen und bin gestern dann doch zur Social Media Recruiting Conference der werten Wollmilchsäue von atenta gegangen. Und ich muss sagen, es hat sich auf jeden Fall wieder einmal gelohnt. Ohne die anderen Referenten abwerten zu wollen, war für mich herausragend die Präsentation von Ali Mahlodji, gebürtiger Iraner, lebend und tätig in Wien, vor allem aber CEO und Gründer der Plattform “whatchado“.

whatchado untertitelt sich mit “Karrieren. Menschen. Stories” und genau darum geht es auch auf der Website. Dort stellen sich Menschen aus den verschiedensten Professionen in Videos vor und berichten über sich, ihren Werdegang, was sie daran reizt und wie sie dahin gekommen sind. Es geht also um Storytelling, ausgehend von der Überzeugung, dass letztlich niemand seinem Job (nur) nachgeht, weil er so gut bezahlt ist, sondern letztlich immer intrinsische Motivatoren über Wohl und Wehe entscheiden.

Die Videos sind gänzlich unkapriziös, keine aufwendigen Kamerafahrten, keine Effekte, keine teure Postproduction etc. Das charmante aber: Genau das! Die Interviewten berichten kurz, knackig und im Vier-Augen-Gespräch (möglichst) authentisch. Alle Videos bauen im Prinzip immer auf den gleichen sieben Fragen auf:

  • Was steht auf deiner Visitenkarte?
  • Um was geht´s in deinem Job?
  • Wie schaut dein Werdegang aus?
  • Ginge es auch ohne deinen Werdegang?
  • Was ist das Coolste an deinem Job?
  • Welche Einschränkungen bringt der Job mit sich?
  • Drei Ratschläge an dein 14-jähriges Ich?

Insg. sind aktuell gut 500 Videos auf der Seite. Unternehmen können sich auf der Plattform einbuchen und Storytelling-Videos mit ihren Mitarbeitern produzieren lassen und diese dann in Businesspages zusammenfassen. Alle diese Videos sind aber auch über den Gesamtindex aufzurufen. Am Ende eines jeden Videos bekomme ich weitere thematisch auch passende Videos angezeigt und kann mich so wirklich auf der Seite treiben lassen.

Der Style der Videos erinnert mich stark an die Videos, die wir seinerzeit für den virtuellen Unternehmensrundgang bei Tchibo produziert haben und vor allem an die Filme, die als Standardbaustein in allen virtuellen Studienorientierungen enthalten sind, die wir in den vergangenen Jahren für eine Reihe von Hochschulen entwickelt haben. Auch dort geht es letztlich darum, dem Betrachter eine Projektionsfläche zu geben und Antworten auf die Fragen zu liefern: “will ich das auch, kann ich das auch, bin ich das?”. Wer mehr zum theoretischen Unterbau des Themas “Realistic Job Preview” wissen möchte, der klicke einfach mal hier

Besonders interessant finde ich an whatchado jedoch neben Videos an sich das Interessenmatching. Jeder Interviewte beantwortet im Zuge des Videodrehs ein Set von 19 Fragen. Diese 19 Fragen oder Aussagen kann man auch als User auf der Plattform beantworten und erhält dann jeweils passende Videos dazu angezeigt.

In Abhängigkeit von den jeweiligen Eingaben passt sich die Auswahl “empfohlener Videos” dynamisch an. Das geht vom Style her ein wenig in die Richtung dessen, was ich im März mal bei den US Marines ausgegraben habe.

Auch hier erkenne ich Parallelen: Wer bspw. auf den Ausbildungsseiten der RWE einen berufsbezogenen Interessentest durchläuft, der kann das Ergebnis dieses Tests als Filterkriterium auf der Auswahl an Ausbildungsberufen, die RWE anbietet, anwenden. Sprich: Das Matching-Tool sortiert mir ein wenig die Welt vor und bietet mir eine Hilfestellung, womit ich denn am besten mal anfange, mich zu orientieren.

Es handelt sich bei dem Matching bei whatchado nicht um einen validierten Berufsinteressentest (im Gegensatz zu demjenigen bei RWE etwa), aber das macht in diesem Fall eigentlich nichts. Letztlich wird hier nämlich nicht nach einem Kriterium geforscht (z.B. “wie stark ist mein künstlerisches Berufsinteresse ausgeprägt?” oder “wie ist mein soziales Berufsinteresse in Relation zu meinem forschenden Berufsinteresse?”), sondern es wird “Ähnlichkeit” bzw. Übereinstimmung quantifiziert. Wenn also jemand, der etwa “Spa- und Thermenmanager” ist, die 19 Interessenfragen in einer gewissen Form beantwortet, dann bekommt jemand, die diese Fragen gleich oder ähnlich einschätzt, eben dieses Video zum “Spa- und Thermenmanager” angezeigt (quantifiziert über eine prozentuale Übereinstimmung).

Das kann man methodisch durchaus hinterfragen. Ich finde aber auch, dass man manchmal die Kirche im Dorf lassen sollte, eben weil whatchado in dem Matching keine eignungs- oder passungsdiagnostische Messung verspricht, sondern letztlich “nur” informiert. Egal welches Video man sich anschaut, wird man immer ein wenig schlauer sein als vorher. Auch für den Fall, dass ich mir – ggf. durch die Empfehlung des Matchings – ein letztlich unpassendes Video anschaue, habe ich dabei eigentlich nichts verloren oder verkehrt gemacht.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der ernsthaft sagen würde “whatchado hat mir folgendes Video mit einer Passung von 93% empfohlen und (allein) deshalb habe ich jetzt diesen Weg eingeschlagen”. Letztlich bieten die Videos (egal wie ich dahin gekommen bin) unterhaltsame und authentische Einblicke. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ich würde mal stark vermuten, dass wir whatchado nicht das letzte Mal im Recrutainment Blog zu Gast hatten. Also, rock on!

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Jo Diercks

Geschäftsführer bei CYQUEST GmbH
Ich bin Gründer und Geschäftsführer der CYQUEST GmbH und der Mi4 GmbH. CYQUEST beschäftigt sich mit dem Thema Recrutainment, also dem Einsatz spielerisch-simulativer Methoden im Online-Assessment, Employer Branding und Recruiting. Im Recrutainment Blog berichte ich regelmäßig hierüber. Mi4 ist als Unternehmensberatung auf Themen des Online-Marketings und eCommerce spezialisiert.

Ein Gedanke zu „Video-Storytelling zur Berufsorientierung – das Beispiel “whatchado”

  1. Hey und danke danke danke für diese gute Beleuchtung :)

    Eines, was vielleicht weniger bekannt ist, weil wir es bisher nur einmal vor einigen Monaten bekannt gegeben haben, ist die Tatsache, dass wir tatsächlich Personen haben, die Dank des Matchings und der daraus resultierenden Videos einen Job nicht nur gefunden, sondern dort auch angefangen haben, weil sie sich dann bei der Bewerbung auf das Video bezogen haben, bzw. mittels des Matchings Jobs entdeckt haben, an die sie vorher nicht gedacht hatten:

    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10151028189421029&set=a.10151028205206029.413582.210611006028&type=1&theater

    Solche Fälle haben wir in den letzten 4 Monaten (dokumentiert) ca. 29 mal gehabt.

    Nochmals ein herzliches Danke aus Wien für diesen tollen Post!!
    LG Ali

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