Wo steht Social Recruiting in Deutschland heute? Wolfgang Brickwedde gibt im Interview Einblicke in die Ergebnisse des Social Media Recruiting Report 2012

Vor ein paar Wochen habe ich mal eine recht aktuelle Infografik rausgesucht, die den aktuellen Stand des Themas “Social Recruiting”, also des Einsatzes Sozialer Netzwerke zur Mitarbeitergewinnung in den USA beleuchtet. Danach ist Rekrutierung über Social Media dort bereits ein wichtiges Thema, wenngleich die Entwicklung eher evolutionär, denn explosionsartig verläuft. Nun sagt man ja die USA seien in Internet-Dingen immer ca. 8 Quartale voraus, aber gilt das auch für das Social Recruiting? Schließlich tickt der deutsche Arbeitsmarkt im Moment ja nun wirklich anders als alle anderen Arbeitsmärkte entwickelter Industrienationen.

Dazu passend hat mein alter Wegbegleiter Wolfgang Brickwedde – Mitglieder der “Suppe” kennen ihn natürlich und wissen auch, dass wir in gute zwei Wochen gemeinsam die “Recruiting2013” in Hamburg veranstalten – letzte Woche die Studie “Social Media Report 2012” vorgestellt, in der er empirisch genau dieser Frage nachgeht. Ich bin mir sicher, dass Wolfgang bei der von ihm moderierten abschließenden Podiumsdiskussion der Recruiting2013 sicher einige der Ergebnisse einfließen lassen wird, aber erstens können da ja nur die 120 Teilnehmer dabei sein und zweitens ist das auch noch über zwei Wochen hin.

Grund genug für mich, Wolfgang zu einem Interview in den Recrutainment Blog zu bitten. Also, ab geht er…

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Hallo Wolfgang, du hast ja gerade die Ergebnisse deiner aktuellen Studie “Social Media Recruiting Report 2012″ vorgestellt. Ist Social Media Recruiting bei den Personalern tatsächlich angekommen?

Also angekommen auf jeden Fall. Aber natürlich nicht bei allen: Zwar suchen bereits doppelt so viele Arbeitgeber wie 2010 (24 % zu 12%) proaktiv in Social Media nach neuen Mitarbeitern. Andersherum heißt das aber auch, daß 75% noch beim Post & Pray Recruiting verhaftet sind!

War Social Media Recruiting letztes Jahr eher noch Hype, so zeigen die Daten der diesjährigen Studie, daß Social Media den Durchbruch geschafft hat und als ernstzunehmender Einstellungskanal im Recruiting angekommen ist. Hier ein paar Beispiele:

  • Bei der Frage, wo werden Vakanzen veröffentlicht, liegen Soziale Netzwerke bereits auf dem dritten Platz im Ranking.
  • Bei den Einstellungsquellen liegt Social Media auf Platz 4 und hat sich innerhalb von 3 Jahren von Platz 7 (kurz vor der Bundesagentur für Arbeit) über Platz 5 kontinuierlich vorarbeiten können.
  • Social Media Netzwerke sind damit der Shootingstar bei den Einstellungsquellen und weisen die höchsten Zuwachsraten auf!

Was genau fällt denn eigentlich unter den Begriff Social Media Recruiting? Ist das aus Sicht der Personaler Facebook? Oder reden wir doch eher über die Business Netzwerke wie XING oder LinkedIn?

Aus Sicht mancher Personaler ist es sicherlich Facebook, aber wenn man schaut, aus welchen Quellen tatsächlich eingestellt wird, dann ist es mit weitem Abstand XING. Das ganze hängt allerdings auch stark am Verständnis des Begriffs Recruiting, hier hat jeder ja eine bestimmte Vorstellung davon, was er oder sie unter Recruiting versteht. Persönlich arbeite ich mit diesen Definitionsunterschieden:

Recruiting (in der deutschen Übersetzung = Personalbeschaffung) verstehe ich als Teil der Personalwirtschaft. Recruiting befasst sich mit der Deckung eines zuvor definierten Personalbedarfs. Die grundsätzliche Aufgabe besteht darin, das Unternehmen quantitativ und qualitativ mit motivierten Arbeitskräften zu versorgen. Im Recruiting bzw. bei der Personalbeschaffung gibt es eine langfristige Perspektive (Employer Brand oder Arbeitgebermarke), eine mittelfristige (Personalmarketing) und die kurzfristige konkrete Stellenbesetzung (Recruiting im engeren Sinne). Insofern sind Employer Branding und Personalmarketing Bestandteile des Recruitings und Mittel zum Zweck der Personalbeschaffung.

Unter Social Media Recruiting verstehe ich die Nutzung von Sozialen Netzwerken und Netzgemeinschaften (z.b. XING, LinkedIn, Facebook, Google+, Twitter etc.) durch Unternehmen für Zwecke der kurz-, mittel und langfristigen Personalbeschaffung. Diese Grafik zeigt die Nutzung von Social Media Plattformen durch die Unternehmen:

 

Sind da alle Unternehmen gleich weit oder hast du in deiner Befragung Unterschiede nach Unternehmensgröße oder Branche feststellen können? Wenn ja, inwiefern?

Bei der Nutzung von Social Media für Recruiting sind bei weitem nicht alle Unternehmen gleich weit. Während große Unternehmen noch hauptsächlich Anzeigen (Print oder Online) schalten, halten sich kleine Unternehmen hierbei stark zurück und suchen 3x so häufig wie die großen proaktiv nach neuen Mitarbeitern. Arbeitgeber aus der IT- und Beratungsbranche sind teilweise bis zu 5x so proaktiv wie Ihre Kollegen aus der Finanzdienstleistung oder dem Maschinenbau. Arbeitgeber mit einem qualitativ besseren Recruitment sind ebenfalls deutlich proaktiver.

 

Ist tatsächlich das Recruiting inzwischen “social” oder doch eigentlich das vor allem Personalmarketing und Employer Branding?

Das Recruiting in der oben genannten Bandbreite der Bedeuting ist dabei „Social“ zu werden. Unternehmen, die einen hohen „Leidensdruck“ in der Personalbeschaffung haben, sind da sicherlich ebenso offen wie diejenigen, die sowieso immer gerne vorne mit dabei sind. Viele warten aber noch ab, wollen vielleicht dabei sein, wissen aber nicht so genau wie.

Wir dürfen aber auch nicht vergessen, daß die meisten Arbeitgeber noch im „Post&Pray-Recruiting“ verhaftet sind und es für sie einen großen Schritt mit viel Unsicherheit bedeutet, jetzt interaktiver mit Bewerbern und potentiellen Kandidaten umzugehen. Das fängt ja bei der Umstellung im Geiste erst mal an und hört bei der Umgestaltung der Zeit- und Inhaltsprioritäten im täglichen Arbeiten nicht auf.

Im Personalmarketing und Employer Branding steht, als Bestandteile eines weiteren Recruitingbegriffs, sicherlich eher die generelle Kommunikation und das Engagement mit potentiellen Bewerbern mit dem Ziel der Präferenzbildung im Vordergrund, insofern hat es auf jeden Fall eine starke soziale Komponente. Beim Proaktiven Recruiting werden hingegen die vorhandenen Möglichkeiten der sozialen Netzwerke genutzt, um mit potentiellen Kandidaten in Kontakt zu treten, diese zu begeistern und zu überzeugen. Insofern ist die Zielrichtung auf der Zeitachse eine andere, die Sozialität aber ebenso vorhanden.

Heißt das, dass “proaktives Recruiting” nun endlich in den Köpfen und im Handeln der deutschen Personaler angekommen ist? Stichwort “Recruiter 2.0″? Ich mag das ehrlich gesagt noch gar nicht wirklich glauben…

Auch wenn Du den Daten noch nicht recht glauben magst, wobei Deine Zweifel nicht ganz unberechtigt sind, da es sich um eine online durchgeführte Studie handelt, die eine gewisse systematische Meßabweichung beinhaltet, als Indikation sind die Daten doch eindeutig. Laut Report suchen doppelt so viele Arbeitgeber wie 2010 (24 % zu 12%) proaktiv in Social Media nach neuen Mitarbeitern. Zieh ein paar Prozent ab, der Trend bleibt bestehen. Proaktives Recruiting ist nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels klar auf dem Vormarsch.

Es sieht für mich aber eher noch wie ein „Fuß ins kalte Wasser halten“ aus, wenn man die Perspektive auf den Recruiter 2.0 (Info, dazu was ein Recruiter 2.0 können muss, siehe: http://www.competitiverecruiting.de/Recruiter20.html) legen will. Hier haben ja laut Recruiter Quality Report (300+ teilnehmende Recruiter) die Recruiter, die intern in den Unternehmen arbeiten, den größten Nachholbedarf. Insofern ist Dein Zweifel berechtigt.

Geht denn über Social Media tatsächlich auch mengenmäßig schon etwas oder dominieren doch immer noch Online-Stellenanzeige und Karriere-Website, wenn wir wirklich über Hires sprechen?

Definitiv. Social Media Netzwerke sind der Shootingstar bei den Einstellungsquellen und weisen die höchsten Zuwachsraten auf! Aktuell liegt Social Media bei den Einstellungsquellen auf Platz 4 und hat sich innerhalb von 3 Jahren von Platz 7 (kurz vor der Bundesagentur für Arbeit) über Platz 5 kontinuierlich vorarbeiten können. Prozentual liegt der Wert bereits bei 7-8 % mit steigender Tendenz. Interessant ist auch, daß die Spitzenreiter der Einstellungsquellen, die Online-Stellenanzeigen darunter nicht gelitten haben. Hier wird vielleicht ein zusätzliches Zielgruppensegment erschlossen.

 

Wenn Active Search und Social Media Recruiting inzwischen Realität sind, was sind denn aus Sicht der Befragten die herausfordernden Themen der Zukunft?

Für die Mehrheit der Befragten ist Social Media Recruiting noch lange nicht die Realität, wie schon gesagt, aber in greifbare Nähe gerückt, da auch die „Mitmachbarrieren“ relativ niedrig sind. Das Interesse an Proaktivem Recruiting ist groß und steigt weiter, was sich ja u.a. auch darin zeigt, daß unser gemeinsames Praxisseminar zum Thema Recruiting 2013, bei dem ich eine Podiumsdiskussion mit schon praktizierenden proaktiven Recruitern moderiere, vollständig ausverkauft ist!

Bei einem Blick auf die Frage, wie wichtig Social Media Recruiting im Strauß der vielen Themen im Recruiting ist, zeigt sich, daß die Rekrutierung von Berufserfahrenen vor der Verbesserung des Images als Arbeitgeber die beiden Top Themen für 2012 sind. Social Media Recruiting konnte sich mit Platz 5 um zwei Plätze verbessern. Beim Ranking der wichtiger gewordenen Themen mußte Social Media Recruiting den Spitzenplatz des letzten Jahres an den Dauerbrenner Employer Branding /Arbeitgeberimage abtreten. Die beiden Grafiken veranschaulichen dies gut:

 

 

Wolfgang, ich danke dir vielmals für das Interview. Wir sehen uns dann ja auf unserer Tagung in zwei Wochen, der “Recruiting2013″. Da wirst du ja sicherlich bei der abschließenden Podiumsdiskussion mit den Referenten auf einige dieser Aspekte zu sprechen kommen. Ich freue mich schon darauf!

Ach ja, der “Social Media Recruiting Report 2012″ kann übrigens hier kostenlos bestellt werden.

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Jo Diercks

Geschäftsführer bei CYQUEST GmbH
Ich bin Gründer und Geschäftsführer der CYQUEST GmbH und der Mi4 GmbH. CYQUEST beschäftigt sich mit dem Thema Recrutainment, also dem Einsatz spielerisch-simulativer Methoden im Online-Assessment, Employer Branding und Recruiting. Im Recrutainment Blog berichte ich regelmäßig hierüber. Mi4 ist als Unternehmensberatung auf Themen des Online-Marketings und eCommerce spezialisiert.

3 Gedanken zu „Wo steht Social Recruiting in Deutschland heute? Wolfgang Brickwedde gibt im Interview Einblicke in die Ergebnisse des Social Media Recruiting Report 2012

  1. Hochspannend die Ergebnisse, vielen Dank für dieses Interview!
    Ich finde es allerdings bezeichnend, dass man in Befragungen, auf Panels und auf den Fluren der Unternehmen das Lied der Aktivität hört (Mitarbeiterempfehlung 2010, Social Media Recruiting 2011 und active Sourcing 2012) aber leider außer ein paar Vorreitern NICHTS passiert!

    Meine eigene bescheidene Erfahrung ist sogar, dass Unternehmen sich zurückentwickeln bei bereits aktiven Kanälen bei Personalwechsel oder Budgetmangel.

    Mich würde mal interessieren was die Herren CEO’s und die anderen Führungskräfte sagen. Vielleicht auch eine Frage an dich Wolfgang, ist man in den Vorstandsetagen denn mal langsam aufgewacht? Macht man denn mal endlich deutlich fünfstellige Beträge an Budget locker?

    L

  2. Ich denke nicht, dass erfolgreiches Social Media Recruiting primär eine Frage von fünfstelligen Beträgen ist. Viel mehr geht´s dabei wohl um eine korrekts Grundvertändnis, um überlegte Personalarbeit und den stetigen Dialog innerhalb der Kanäle auf Augenhöhe mit der Zielgruppe. Zumindest für KMUs muss das der Weg sein. Hatte dazu auch ein super Seminar ( siehe http://www.forum-fachseminare.de/seminar-online-recruiting-fuer-personaler ) bei dem der Fokus auch weniger auf Modellen für Großkonzerne mit großen Budgets lag, was aber ansonsten zumeist unterstellt wird, hab ich das Gefühl.

    Grüße

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