„Facteur Academy“: Serious Game als Eignungstest des französischen Postdienstleisters Formaposte

Die Beispiele häufen sich, wo spielerische Ansätze und Berufsorientierung, Personalmarketing oder sogar Eignungstestung miteinander kombiniert werden. Man spricht zunehmend von „Gamification“. Hier im Blog haben wir – neben unseren eigenen Projekten – in jüngerer Vergangenheit ja etwa die Facebook Apps PoweRBrands von Reckitt-Benckiser und „Bist du ein Kronese“ der Krones AG oder natürlich das Beispiel „Fliplife“ besprochen. Auch ein Blick über die Landesgrenzen lohnt: Zu nennen wären hier etwa das Serious Game „Houthoff Buruma – The Game„, mit dem die niederländische Großkanzlei auf die internationale anwaltliche Tätigkeit vorbereiten möchte oder die Beispiele der Swedish Armed Forces und der Royal Air Force. Also Recrutainment wo man hinschaut… Nun ist mir ein weiteres spannendes Beispiel über den Weg gelaufen – und zwar vom privaten französischen Postdienstleister Formaposte, der im Departement Île de France agiert, also dem Großraum Paris.

Das Recrutainment Format „Facteur Academy“ ermöglicht es dem Teilnehmer spielerisch eine typische Woche eines Postboten in der Ausbildung zu durchlaufen: Von Montag bis Freitag sind verschiedene Ausbildungsstätten zu besuchen und unterschiedliche Aufgaben zu bearbeiten. Zilesetzung dabei ist es, den Alltag eines Auszubildenden kennenzulernen, sich mit Werten und wichtigen Kompetenzmerkmalen der Post auseinanderzusetzen und sich so im Endeffekt die Möglichkeit zur Bewerbung zu erspielen.

Zu Beginn wählt man sich seinen Spiel-Character (Avatar) aus:

Dann geht es los. Man muss dabei im Spielverlauf nicht nur berufliche Tätigkeiten absolvieren, sondern auch ganz alltägliche. Beispielsweise geht es zu Beginn darum, sich zuhause erst einmal für die Arbeit fertig zu machen, sprich: rechtzeitig aufzustehen, sich zu rasieren (wenn man einen männlichen Character gewählt hat), zu duschen, zu essen etc. Das klingt banal, aber all dies geht aus von der Vorgabe, pünktlich bei der Arbeit zu sein. Und das wiederum dürfte – speziell bei der Post – sicherlich alles andere als nebensächlich sein. In sofern beleuchtet das Spiel nicht nur den beruflichen Aspekt, sondern das „Leben als Auszubildender“.

Ich habe dabei gleich erstmal so viel Zeit vertrödelt, dass es bei mir mit der Pünktlichkeit nicht so weit her war… Naja, meine Französisch-Kenntnisse ruhen ja nun auch schon seit ca. 20 Jahren. Das Lesen hat soo lange gedauert, führen wir es mal darauf zurück…

Danach ging es dann für mich erstmal zur Berufsschule. Ich habe im Stundenplan das Thema „Le métier de Facteur“ (das Handwerk des Postboten) angeklickt (dafür bin ich ja auch hier) und der Unterricht drehte sich dann um verschiedene Aspekte der Tätigkeit des Postboten.

Von der Lehrerin wurden dabei Fragen gestellt, die man beantworten musste und dann auch direkt ein Feedback bekam. Hier z.B. zum Aspekt „Serviceorientierung“:

Am „Ende“ der Unterrichtseinheit gibt es dann eine Art Zwischenzeugnis, wo neben der Korrektheit der Antworten auch Aspekte wie Neugier oder Freundlichkeit bewertet werden. Naja, wirklich richtig waren meine Antworten wohl nicht, aber immerhin war ich freundlich…

In diesem Stil geht es dann weiter, bis ich meine komplette Woche absolviert habe.

Vorrangige Zielsetzung der „Facteur Academy“ ist es, dem Ausbildungsinteressierten ein Hilfsmittel zur Einschätzung der eigenen Motivation zu bieten und sich der Realität eines Postboten in der Ausbildung bewusst zu werden. „Passende“ Kandidaten sollen so in ihrer Entscheidung bestärkt werden, „unpassende“ hingegen erkennen, dass diese Ausbildung nicht die richtige für sie ist. Immerhin brechen zur Zeit etwa 25% der Auszubildenden ihre Ausbildung nach der Probezeit ab, es besteht also Handlungsbedarf.

Bemerkenswert ist dabei, dass die Teilnahme am Spiel eine zwingende Voraussetzung ist, um sich überhaupt bewerben zu können. Das Bewerbungsformular ist erst am Ende des Spiels erreichbar. Dieses Vorgehen mag auf den ersten Blick mindestens „mutig“, manchen sogar vielleicht zu radikal erscheinen. Ich bin da anderer Ansicht. Wir haben bei der virtuellen Studienorientierung der HAW Hamburg (HAW Navigatoren) hervorragende Erfahrungen mit diesem Ansatz gemacht. Kandidaten, die es wirklich ernst meinen, lassen sich davon überhaupt nicht abschrecken. Im Gegenteil: Das Gefühl der Informiertheit nimmt dramatisch zu. Bei Kandidaten, die sich nicht einmal eine halbe Stunde Zeit nehmen wollen, um das Tool zu durchlaufen, kann man m.E. ohnehin skeptisch sein, ob sie eine Ausbildung durchhalten. Zumindest, wenn das Spiel gut gemacht ist (unterhaltsam UND realitätsnah).

Das Tool übernimmt somit die wichtige Funktion der Verbesserung der Selbstselektion. Auch wenn also das Abschneiden innerhalb des Spiels nicht mit in die Bewerbung eingeht, kann man also trotzdem hierin gewissermaßen einen ersten „Eignungstest“ sehen…

Die „Facteur Academy“ ist erreichbar über die Website der Formaposte Île de France oder direkt über den folgenden Link (der allerdings wiederum nicht wirklich SEO-tauglich ist, naja man kann nicht alles haben…):

http://www.formaposte-iledefrance.fr/portal_upload/jeu/

Ach ja, und Ehre wem Ehre gebührt: Hergestellt wurde das Recrutainment Format von KTM Advance.

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Jo Diercks

Geschäftsführer bei CYQUEST GmbH
Ich bin Gründer und Geschäftsführer der CYQUEST GmbH und der Mi4 GmbH. CYQUEST beschäftigt sich mit dem Thema Recrutainment, also dem Einsatz spielerisch-simulativer Methoden im Online-Assessment, Employer Branding und Recruiting. Im Recrutainment Blog berichte ich regelmäßig hierüber. Mi4 ist als Unternehmensberatung auf Themen des Online-Marketings und eCommerce spezialisiert.

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